Vier Todesfälle und eine Hochzeit

Schriftsteller Benedict Wells, 1984 in München geboren als Benedict von Schirach
Schriftsteller Benedict Wells, 1984 in München geboren als Benedict von Schirach
Foto: picture alliance / dpa
Benedict Wells’ neuer Bestseller „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt von Schlägen, die das Schicksal austeilt – und der Kunst, trotzdem das eigene Leben zu leben.

Ein Autounfall, der drei Kinder als Waisen zurücklässt. Ein verschwundenes Mädchen. Alzheimer. Unfruchtbarkeit. Eine junge Mutter, die an Leukämie stirbt. Dann noch: unerfüllte Liebe, Drogenabstürze, Künstlerkrisen. Im Schnelldurchlauf erscheint Benedict Wells’ neuer Roman wie der Versuch, eine kleine Gruppe unschuldiger Protagonisten mit allem Leid der Welt zu überhäufen. Müssen wir uns da noch darüber wundern, dass Ich-Erzähler Jules in Fantasiewelten flüchtet und fragt, ob diese nicht am Ende genau so wahr sind wie die Realität?

Um Jules Moreau, seinen Bruder Marty und seine Schwester Liz kreist dieses schicksalssatte Werk, das mit Jules’ Motorradunfall beginnt und vom Krankenbett aus als Rückschau erzählt wird, vom frühen Tod der Eltern über die Kindheit und Jugend im Internat bis zum Kern der Geschichte, Jules unerfüllter, deshalb nur umso größeren Liebe zu Alva: „Nie den Mut gehabt, sie zu gewinnen, immer nur die Angst, sie zu verlieren.“

Benedict Wells hat keine Angst vor großen Gefühlen. Mal ist er tollkühn wie John Irving, dann voll glitzernder Melancholie wie F. Scott Fitzgerald, um nur zwei spürbare Vorbilder zu nennen. Auch Truffauts filmische Dreiecksgeschichte „Jules und Jim“ mit Jeanne Mo­reau stand Pate – Wells hat auch keine Angst vor großen Vorbildern.

Der Mut der Jugend: 1984 in München geboren, zog er nach dem Abitur nach Berlin, schlug sich mit Jobs durch, um schreiben zu können. Und wurde belohnt. Mit 23 Jahren war er der jüngste Debütant im Schweizer Diogenes-Verlag (2008 mit „Becks letzter Sommer“), seither stehen seine Werke auf den Bestsellerlisten. Neben denen seiner Verwandten, Schwester Ariadne von Schirach („Der Tanz um die Lust“) und Cousin Ferdinand von Schirach („Verbrechen“, „Schuld“). Seinen Nachnamen aber hat Benedict Wells früh ändern lassen, als Zeichen der Distanzierung: Großvater Baldur von Schirach war einst Reichsjugendführer des NS-Regimes.

Biografische Gedankenspiele

Sich lossagen, das eigene Leben leben wollen: vor allem davon handelt „Vom Ende der Einsamkeit“. Nur – was ist das eigene Leben? Was wäre gewesen, hätte Jules nicht so früh die Eltern verloren und wäre Alvas Schwester nicht einst verschwunden? „Ich hätte wahrscheinlich eher nach einem sorglosen, draufgängerischen Mann gesucht, weniger nachdenklich“, sagt Alva in einem Moment der Wahrheit. Zwar ist das Gedankenspiel nicht neu (erinnern wir uns etwa an Max Frischs Biografie-Spiel), doch legt Benedict Wells seine Fährten sehr geschickt, streut hier ein wenig Philosophie ein, verhandelt dort die Kunst des Geschichtenerzählens und vernachlässigt darüber doch nie Figuren und Szenen. So dass man am Ende wünschte, mehr als ein Lese-Leben zu haben – um das Buch noch einmal ganz neu genießen zu können.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes, 368 S., 22 €

 
 

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