Verstehen oder beschönigen?

Harald Ries

Lüdenscheid.  Die Frisur, natürlich. Diese herzförmig ausgeschnittene Stirnspitze im Kurzhaar ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Daran erinnern sich Fernsehzuschauer noch nach Jahrzehnten. Was Gabriele Krone-Schmalz zwischen 1987 und 1991 als ARD-Korrespondentin aus Moskau berichtet hat, ist schon weniger präsent. Dass sie 1992 bis 1997 den ARD-Kulturweltspiegel moderiert hat – weitgehend vergessen. Dass die heute 64-Jährige seit 2011 Medienprofessorin an der BiTS in Iserlohn ist – größtenteils nie gewusst. Aber seit ein paar Wochen ist sie wieder groß zurück im Fernsehen, als Talkshowgast und Interviewpartnerin.

Ihre Rolle: Putin-Versteherin. In der lockte sie am Dienstagabend zum „Lüdenscheider Gespräch“ des Instituts für Geschichte und Biografie der Fernuni Hagen mehr Zuhörer ins Kulturhaus als der Raum Stühle hatte. Der Applaus: gewaltig, anhaltend. Es scheint wohl anlässlich der Ukraine-Krise ein größeres Bedürfnis zu geben, die Welt auch aus russischer Perspektive zu betrachten.

Drei Revolutionen gleichzeitig

Und Krone-Schmalz, die grauer geworden ist, aber sonst noch genauso wirkt wie damals im alten Röhren-TV, hat ja wirklich einiges zu sagen, das in den meisten aktuellen Berichten höchstens am Rande vorkommt. Sie erzählt von der „beispiellosen Aufbruchstimmung“ durch die Perestroika, von drei Revolutionen gleichzeitig: Planwirtschaft zu Marktwirtschaft, Diktatur zu rechtsstaatlichen Strukturen, Sowjetreich zu Nationalstaat. Sie erinnert daran, dass unter Jelzin der russische Alltag von Wildwest-Kapitalismus und Kriminalität bestimmt war und wie dadurch die Begriffe Liberalisierung und Demokratisierung nachhaltig beschädigt wurden, wie der Wunsch nach Verlässlichkeit und Ordnung Oberhand gewann: „Da kam Putin gerade recht. Er versprach die Diktatur des Gesetzes und gab der Bevölkerung nach vielen Demütigungen Selbstvertrauen zurück.“

Krone-Schmalz charakterisiert den russischen Präsidenten als „intelligent und diszipliniert“, als „Patrioten, der Verantwortung spürt“. In seiner ersten Amtszeit habe er dem Westen reihenweise Angebote gemacht und sei immer wieder abgeblitzt: „Russland wurde nicht als Partner behandelt, sondern als Konkursmasse.“ Die Nato-Osterweiterung werde in Moskau als Wortbruch betrachtet. Inzwischen sei es Russland egal, was der Westen denke, aber früher sei vieles möglich gewesen. Das habe der Westen versäumt. Auch über das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine hätte man mit Russland sprechen müssen.

Ein schmaler Grat

Dann bekommen die Medien ihr Fett weg. Sie seien teils naiv, teils arrogant, teils von tiefsitzendem Russenhass geprägt. Es werde mit zweierlei Maß gemessen: „In Kiew regiert ein Übergangs-Präsident, in der Ost-Ukraine amtieren selbsternannte Bürgermeister. Fällt Ihnen der Unterschied auf?“ Legitimiert seien beide nicht. Krone-Schmalz erwartet Fragen von den Journalisten: „Was macht der CIA-Direktor in Kiew? Wie wurde der Protest auf dem Maidan finanziert?“ Und dann kommt sie auf ihre Rolle zu sprechen: „Es sagt etwas über die politische Kultur aus, dass der Begriff Russlandversteher zum Schimpfwort geworden ist und der Ausgrenzung dient.“

Aber es ist ein schmaler Grat zwischen Verständnis und Rechtfertigung, zwischen Widerstand gegen Einseitigkeit und Beschönigung. Um die Pressefreiheit in Russland sei es in manchen Medien und an manchen Orten nicht gut bestellt, sagt die Autorin mehrerer Russland-Bücher und nennt dann ein Positiv-Beispiel. In der Justiz gebe es zwar Probleme, aber Klagen gegen die Steuerbehörden seien erfolgreicher als in Deutschland. Das ist nicht nur einseitig, das ist Desinformation und Propaganda. Und die russische Militärpräsenz auf der Krim habe keinen Einfluss auf den Ausgang des Referendums gehabt – glaubt sie das wirklich?

Es ist gut, dass es hierzulande Stimmen wie die von Gabriele Krone-Schmalz gibt. Ein einseitiger Medien-Mainstream ist eine reale Gefahr für die Meinungsbildung. da ist man dankbar für ein Korrektiv. Noch gefährlicher wäre es allerdings, wenn ihre einseitige Sicht der Dinge bestimmend wäre.