Verlage verkaufen Kopien von Wikipedia-Texten

Immer wieder werden Wikipedia-Artikel mit der sogenannten Copy-&-Paste-Methode zusammengefasst. Foto: Imago
Immer wieder werden Wikipedia-Artikel mit der sogenannten Copy-&-Paste-Methode zusammengefasst. Foto: Imago

Essen.. Copy and Paste – in vielen Ohren sind das Unworte. Wenn nun von ganzen Büchern die Rede ist, die aus Textkopien bestehen, horcht wohl jeder auf. Über Buch-Placebos, die es niemals auf die bald beginnende Frankfurter Buchmesse schaffen würden.

Freunde des Flugverkehrs könnte folgendes Werk interessieren: „Abu Dhabi International Airport”. 152 Seiten umfasst dieses Buch. Wer zugreifen will, muss stattliche 54,10 Euro zahlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Käufer Enttäuschung auslöst, dürfte beträchtlich sein. Es handelt sich lediglich um ein Taschenbuch, das aus kopierten Artikeln der - kostenlosen - Internet-Enzyklopädie Wikipedia besteht.

Seit einiger Zeit überschwemmen Titel von Herausgebern mit den Namen Lambert M. Surhone, Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken geradezu die Angebotslisten verschiedener Internetbuchhändler, darunter auch Amazon. Wer auf dessen deutscher Seite die Suchkategorien „Bücher” und „Surhone” eingibt, landet sage und schreibe 8313 Treffer. Ob dieser offenbar arbeitswütige Herr Surhone und seine Kolleginnen überhaupt existieren, darf bezweifelt werden. Hinter den Namen stecken Verlage wie alphascript, betascript, Fastbook Publishing und der Doyen Verlag, die allesamt zum Saarbrücker VDM-Verlag gehören.

Keine eigene Kontrolle der Inhalte

Deren Geschäftsmodell funktioniert wie folgt: Wikipedia-Artikel zu den unterschiedlichsten Themen werden mit der sogenannten Copy-&-Paste-Methode zusammengefasst. Ein ebenfalls kostenfreies Foto aus dem Internet ziert den Umschlag - fertig ist das Buch. VDM-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Philipp Müller bestätigt auf Anfrage, dass keine Kontrolle der Inhalte mehr stattfindet, weder inhaltlich, noch sprachlich. „Das ist auf Grund der hochqualitativen Quelle Wikipedia und deren interner Review-prozesse nicht nötig”, so Müller.

Angeboten werden die Bücher im Druck-auf-Bestellung-Verfahren: Ein Titel geht erst in die Herstellung, wenn es ein Kunde bestellt hat. So bleiben die Produktionskosten minimal. Die Preise dagegen sind happig. Bei etwa 30 Euro geht es los, 50 Euro sind keine Seltenheit. Heißt: Mit nur einem verkauften Buch dürfte der Verlag die Gewinnzone erreicht haben. Zur Preisgestaltung wollte sich Müller nicht äußern. Die Liste dieser „Kopieren-und-Einfügen-Bücher” wächst rasant. Aktuell betrage die Zahl der so entstandenen Titel 350 000, teilt Müller mit, „leider”. Auch andere Anbieter arbeiten nach diesem, Prinzip, „Bucher LCC” bringt es auf der deutschen Amazon-Seite auf 4073 Treffer.

Amazon unterstützt Geschäftsmodell

Rechtlich sind diese Bücher-Placebos kaum zu beanstanden. Wikipedia selbst weist auf Anfrage darauf hin, dass alle Inhalte unter einer Freien Lizenz stehen, die es jedermann erlaubt, diese Inhalte (auch kommerziell) zu vervielfältigen, verbreiten und zu modifizieren, wenn bestimmte Bedingungen eingehalten werden. „Grundsätzlich ist also ein Geschäftsmodell denkbar, das auf dem Verkauf von gedruckten Wikipedia-Textextrakten basiert.”

Auch Amazon hat anscheinend kein Problem mit diesem ungewöhnlichen Angebot: „Grundsätzlich ist es unser Ziel, unseren Kunden die größtmögliche Auswahl an verschiedenen Titeln bereitzustellen, aus diesem Grund umfasst unser Sortiment eine unbegrenzte Anzahl von Artikeln, die auf dem deutschen Markt frei erhältlich sind. Wir sind der Meinung, dass Amazon – oder jeder andere Händler – nicht darüber entscheiden sollte, welche Titel beziehungsweise welche Inhalte von Kunden (nicht) erworben werden können, sofern sie legal erhältlich sind”, so Sprecherin Veronika Merkle. Doch das empörte Rauschen im Bücherblätterwald wird lauter.

Auch Universitätsbibliotheken kaufen „Placebos“

Für Professor Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, fehlt solchen Büchern jegliche Qualität. „Das ist nicht seriös, das ist Abzocke. Diese Geschäftemacherei ist aber auch ein Hinweis darauf, wie billig heute Bücher gedruckt werden können.” Schneider sieht die Gefahr, dass potenzielle Wikipedia-Autoren, gerade auch Wissenschaftler, davon abgeschreckt werden, sich am Fortschreiben der Wikipedia-Enzyklopädie zu beteiligen.

Der Dresdner Plagiatsforscher Stefan Weber ist ebenfalls alarmiert. Er hat bereits 417 Titel entdeckt, die von deutschen Universitätsbibliotheken angekauft worden sind. „Wer weiß, wie viele schon in kommunalen und anderen Büchereien stehen”, fürchtet er eine stattliche Dunkelziffer. Er hält drastische Gegenmaßnahmen für erforderlich. „Man muss die Bibliotheken warnen. Das ist Spam in Buchform. Bestimmte Verlage müssen auf einen Index und mit Namen genannt werden, sonst geht die Abzockerei immer weiter.”

Da muss Weber die Ankündigung des VDM-Verlages wie eine Drohung vorkommen. „Wir planen die Ausweitung der Buchtitel auf circa 50 bis 60 Millionen lieferbarer Buchtitel mit freien Inhalten in den nächsten Jahren, allerdings nicht nur aus der Quelle Wikipedia. Es gibt ja sehr viele andere.” 50 Millionen Buchtitel? Damit hätten die VDM-Verlage das weltweit wohl größte Sortiment. In der Ausstellerliste der Frankfurter Buchmesse finden sich die VDM-Verlage nicht...

 
 

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