Verkanntes Dortmunder Juwel

Jens Dirksen

Dortmund.  Der Abriss für das altehrwürdig Dortmunder Museum am Ostwall schien schon so gut wie beschlossen: Seitdem die Kunst in den U-Turm umziehen musste, damit der für Abermillionen sanierte Bau zu Renommee und Anziehungskraft kam, steht das alte Museum leer. Am morgigen Donnerstag muss sich der Stadtrat erneut mit der Immobilie beschäftigen – sie könnte der Stadt Millionen bringen, wenn man sie abreißt und das Grundstück in bester Lage an Bauherrn für Büros oder Seniorenwohnungen verkauft.

Schöne Unscheinbarkeit

Doch das Haus, dessen größte Tugend auf den ersten Blick die Unscheinbarkeit eines 50er-Jahre--Baus ist, kann als erstes Denkmal des Strukturwandels im Ruhrgebiet gelten. Es ist nämlich – jenseits der Kirchen – der älteste Bau in der Dortmunder Innenstadt. Im Kern handelt es sich um das 1875 von einem Absolventen der Schinkel-Schule gebaute Landesoberbergamt, das die Kohlereviere im gesamten Ruhrgebiet zuteilte und wegen des rapiden Zechen-Wachstums schon bald nach der Einweihung wieder zu klein war. 1911 baute man es zum Museum für Kunst und Kunstgewerbe um, mit einem großzügigen Lichthof.

Seine heutige Gestalt bekam das Museum, das gut 100 Jahre lang Kunst gezeigt hat, nachdem der Bau im Bombenkrieg gelitten hatte: Die vier Geschosse des Ursprungsbaus ließ die energische Museumsdirektorin Leonie Reygers auf zwei reduzieren, weil sei Tageslicht für moderne Kunst haben wollte. Erhalten blieb dabei die genietete Stahlkonstruktion für das Glasdach im Innenhof von 1911 – bis heute. „Der Saal ist damit nicht nur einer der schönsten der Stadt, sondern auch der älteste“, sagt Sonja Hnilica. Die promovierte Architekturhistorikerin an der Technischen Universität Dortmund, Spezialistin für die Nachkriegszeit, hat das Haus unter die Lupe genommen.

Zu 80 Prozent von 1875

Sonja Hnilica fand heraus, dass das Museum die Bombardierung der Dortmunder Innenstadt besser überstanden hat als vielfach angenommen. Rund 80 Prozent der heutigen Bausubstanz von den Grundmauern bis zum Dach stammen noch von 1875. Dokumentiert ist das in einem gerade erschienenen Buch, das den Rat der Stadt von einem Abriss-Beschluss abhalten sollte. Die Alternative wäre vorerst ein Aufschub.

Immer wieder war von Überlegungen die Rede gewesen, in dem Haus ein nordrhein-westfälisches Baukunst-Archiv einzurichten; das sollte etwa die Nachlässe der rund 30 000 Baumeister im Lande aufnehmen. Doch das scheiterte Mal um Mal an Finanzierungsfragen, obwohl die Landesregierung zugesagt hatte, den Löwenanteil der entstehenden Umbaukosten zu übernehmen, in Rede standen Anteile von 80 Prozent. Zudem hat sich gerade erst der Förderverein für ein Baukunst-Archiv NRW bereiterklärt, die auf 120 000 Euro jährlich geschätzten Betriebskosten eines solchen Archivs zu übernehmen.

Vielleicht lässt sich doch noch eine Fehlentscheidung verhindern, wie sie der Stadtrat 1955 traf. Damals beschloss man, das ältestes steinerne Rathaus Deutschlands zugunsten einer Einkaufspassage abzureißen. Damals sprach man ihm die Denkmalwürdigkeit ab, da der neugotische Giebel aus dem 19. Jahrhundert nicht stilecht sei. Heute würde man es für einen architektonischen Schatz halten.