Vatikan öffnet seine Geheimarchive

Rom. Die hochschwangere Kaiserin Sissi sitzt am Schreibtisch, auf Schloss Buda in Ungarn. Sie schreibt einen Dankesbrief an Papst Pius IX. für ein Geschenk, was ihr das Kirchenoberhaupt zukommen ließ. Vielleicht war es ein Rosenkranz. „Dieses Zeichen väterlichen Interesses erreicht mich in einem Moment, in dem meine Seele sich auf Hoffnung stützen muss...“, teilt sie elegant auf Französisch mit. Es ist Februar 1868. In zwei Monaten wird die Kaiserin Maria Valeria zur Welt bringen, ihre vierte und letzte Tochter. Diese endlich gibt Elisabeth von Österreich ihre Mutterrolle zurück. Denn ihre anderen Kinder darf die Kaiserin nicht auf Reisen mitnehmen. Sie werden im Schloss in Wien erzogen.

Auch dieser schwermütige Sissi-Brief gehört zu 100 Dokumenten von „Lux in Arcana“ („Licht ins Geheime“), der wohl bedeutendsten Ausstellung 2012 in Rom. Erstmals hat das vatikanische Geheimarchiv aus Anlass seines 400-jährigen Bestehens aus seinen 85 Kilometer langen Regalbeständen erlesene Unterlagen für eine Schau außerhalb der Kirchenstaat-Mauern freigegeben. Der Grund, sagt Vatikanpräfekt Sergio Pagano: „Wir möchten zeigen, dass das Archiv nichts verstecken will“.

Der Sissi-Brief liegt in Saal G, betitelt mit „Heilige, Königinnen und Hofdamen“. Hier verweilen Besucher gern länger. Andere königliche Schreiben sind noch viel verzweifelter. Bald werde sie sterben, teilt etwa die katholische Maria Stuart 1586 Papst Sixtus V. mit. Wenige Monate später lässt ihre Rivalin, die anglikanische Elizabeth I., sie hinrichten – Geschichte als Schicksal.

Die meisten Dokumente demonstrieren große Welt- und Kirchengeschichte vom Jahr 800 bis zum 20. Jahrhundert. Ereignisse und einschneidende Veränderungen, festgehalten auf Pergament. Besonders der deutsche Sprachraum ist gut berücksichtigt. Aus dem Jahr 962 stammt das „Privilegium Ottonianum“ von Otto I., eine Bestätigung des zum Kaiser gekrönten Königs. Dann das Wormser Konkordat von 1122 zwischen Papst Calixtus II. und Kaiser Heinrich V., das den Investiturstreit über die Einsetzung von Bischöfen beendete.

Lücken ab 1939

Lückenhaft wird es allerdings ab 1939. Millionen an Unterlagen aus der Zeit von Pius XII., umstritten wegen seiner Haltung zum Holocaust, müssen im Vatikanarchiv immer noch aufgearbeitet werden. Ein- bis zwei Jahre werde das noch dauern, sagt Präfekt Pagano. So zeigt die Ausstellung aus der sogenannten „geschlossenen Periode“ wenige Zeitzeugnisse wie eine Rubrik über die Priester im KZ Dachau und einen tragischen Brief von 1945, in dem nach dem Verbleib der Schwestern Edith und Rosa Stein gefragt wird, die im KZ umgekommen waren.

Dann gibt es den Saal der „Ketzer, Kreuzfahrer und Ritter“. Dort züngeln tatsächlich auf Videos Höllenflammen über schwarz verkleidete Wände – Dan Brown („Illuminati“) hätte seine Freude daran. Eine 60 Meter lange Pergamentrolle enthält den Prozess gegen den als „entartet“ verurteilten Templerorden. Doch auch die Exkommunikation von Martin Luther ist in diesem Saal untergebracht. Abschriften von zwei päpstlichen Bullen aus den Jahren 1520 und 1521– die Originale wurden nach Deutschland geschickt und dort verbrannt – sind erstmals öffentlich zu sehen. Im Archiv seien das, so Präfekt Pagano, nur „schmucklose Verwaltungsdokumente“. Hier aber verströmen sie den Atem weltbewegender Geschichte.