Ursula Priess schreibt über ihren Vater Max Frisch

Britta Heidemann

Essen. Wie verletzend dürfen Schriftsteller sein? Über Wunden, die Literaten ihnen zufügten, berichten zwei Frauen in Buchform. Ursula Priess, Tochter von Max Frisch und Natascha Wodin, Ehefrau von Wolfgang Hilbig korrigieren das öffentliche Bild, das die Literatur von ihnen zeichnete.

Jeder Schriftsteller schreibt über sich selbst, sein Leben, in mehr oder minder großer Abstraktion. Schreibt über die, die zu diesem Leben gehören. Wehren die Menschen sich, entstehen schon mal Eklats – schlag nach bei Maxim Billers „Esra”, würden wir jetzt anmerken, wenn nicht Billers Ex-Freundin das Buch gerichtlich verboten hätte. Wehren jene Menschen sich, entstehen heute eklatant schonungslose Bücher: Ursula Priess ist die Tochter von Max Frisch, Natascha Wodin war verheiratet mit Wolfgang Hilbig, und beide wurden verletzt von dem öffentlichen Bild, das die Literatur von ihnen zeichnete. Beide korrigieren dieses Bild nun – und orientieren sich dabei sehr am je eigenen Stil dessen, der ihnen einst Gewalt antat.

Im Spiegelkabinett

Max Frisch ein Gewalttätiger? Ja, es war ein seelischer Schlag für seine Tochter Ursula, als sie in seinem Tagebuch jenen Satz über sich lesen musste: „Die schlichte Nachricht, daß ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe…” Als Ursula elf Jahre alt war, verließ der Vater die Familie.

„Der Frisch also, der ist Ihr Vater?!” Mit diesem Ausruf beginnt Priess' „Bestandsaufnahme”. Die Szene wirkt wie bei Frisch abgeschaut: Ein Paar, das sich nur per Telefon kennt, trifft sich zum ersten Mal – in Venedig. Alles scheint möglich. Bis dieser Satz fällt. Der Mann, der ihn ruft, war offenbar einst ein Geliebter von Ingeborg Bachmann – Max Frischs Konkurrent also.

Hilfe versagt

Eine Verstrickung, wie erdacht vom berühmten Vater. Auch die Tagebuch-Form des Buchs erinnert arg an ihn; der Titel „Sturz durch alle Spiegel” ist ein Zitat aus „Mein Name sei Gantenbein”. Er spielt an auf das Spiegelkabinett der Seele, das Frisch im Spiel mit Identitäten entwarf. Pries spielt nicht, sie sucht: Ist sie der „Frischling”, der einst im Zürcher Schauspielhaus ein und aus ging? Das „Fräulein Frisch”, das kühl die Männer abservierte? Oder die Heilpädagogin, deren Arbeit der Vater nie ernst nahm? Über deren Werkeln mit „ungebleichter Wolle” er so böse schrieb? „Dieser Blick: manchmal so kalt und so hart, erbarmungslos alles und immer auch sich selbst in Frage stellend.”

Es geht nicht um Schuld. Priess beschreibt, wie sie „Max”, wie sie ihn nennt, einst Hilfe versagte, weil sie nicht erkannte, dass er um sie bat. Fast wäre dies der Bruch gewesen. Sie fleht: „Es kann nicht sein, daß dies das Ende zwischen uns ist, bitte, laß mich nicht fallen, so kann ich nicht weiterleben, bitte!”

Geschwister in der Nacht

Spricht so nicht eher eine Geliebte? Ursula Priess' Abhängigkeit von der Liebe ihres Vaters gleicht erschreckend derjenigen Natascha Wodins, die es lange an der Seite des ostdeutschen Arbeiter-Dichters Wolfgang Hilbig aushielt, trotz aller Alkohol- und Gewaltausbrüche des Lyrikers, Romanciers und Büchner-Preisträgers.

Jakob Stumm hat sie Hilbig getauft in ihren Gefühlsbekenntnissen über die „Nachtgeschwister”. Die Erzählerin verliebt sich in seine Gedichte, die sie in Westdeutschland auf dem Wühltisch findet, schreibt ihm, trifft ihn, als er zum Stipendium ausreisen darf. Ja, damals, vor der Wende! Sie enden im wiedervereinigten Berlin und im Desaster. Stumms erotische Korrespondenz erschüttert seine Ehefrau – und gibt ihr Machtgefühle: „Keine von ihnen weiß von der anderen, keine weiß, dass sie für Jakob nur eine von vielen ist. Das weiß nur ich.”

Alle aber wissen dies über sie: „Die Männer trauen sich nicht an sie heran, weil sie die Frau eines bekannten Schriftstellers ist. Keiner wagt es, sich ihr zu nähern, keiner nimmt mir die gottverdammte Pflicht ab, sie zu ficken.” Die Ehefrau findet die Sätze im Manuskript ihres Mannes. Kann es etwas Verletzenderes geben?

Wie weit ein Schriftsteller gehen darf, das beantwortete zuletzt Judith Hermann, in deren Erzählband „Alice” der 2003 gestorbene Autor Reinhard Baumgart zu erkennen war. Im „Spiegel” definierte die Mutter eines Achtjährigen die Grenze dessen, was als literarisches Material dienen sollte: „Über mein Kind will ich nicht schreiben.” Was ja immerhn auch heißt: Ihr Sohn muss dereinst kein Buch über sie veröffentlichen, um sich zu befreien.

  • Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel. Ammann Verlag, 176 Seiten, 18,95 Euro
  • Natascha Wodin: Nachtgeschwister. Kunstmann, 240 Seiten, 18,90 Euro