Unter der Lupe

Das Wort „textologische Abenteuer“ klingt ein bisschen so, als setzte sich ein dröger Akademiker den „Indiana Jones“-Hut auf. Der Fall des russischen Pianisten Andrej Hoteev liegt aber doch anders. Die Akribie, mit der er Modest Mussorgskys Handschriften der „Bilder einer Ausstellung“ studierte, war die des pianistischen Praktikers.

Anschaulich beschreibt er im Beiheft wohlgemeinte Verschlimmbesserungen, weil ja alle Musikwelt dem dilettierenden Genie posthum Gutes tun wollte. Doch Hoteev stieß auf Gravierendes: andere Akkorde, andere Rhythmen, andere Noten, Phrasierungsbögen. So erwartet man seine Deutung mit Spannung – und eben die lässt trotz kunstvoller Dehnung nicht nach. Das ist beileibe kein Archivar-Kuriosum, das ist ein auf düstere Weise packender Zugriff, durchweg sensibel und farbensatt gestaltet, dabei ohne eitle pianistische Extra-Politur.

Andrej Hoteev: „Pure Mussorgsky“ Bilder einer Ausstellung sowie Lieder und Tänze des Todes (mit Elena Pankratova). CD, Edel, ca. 21 €

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