Unsere tote Stadt

Lars von der Gönna
Holger Kunkel, Rezo Tschchikwischwili, Jan Pröhl, Jens Ochlast in „Das Bergwerk“. Foto: Birgit Hupfeld
Holger Kunkel, Rezo Tschchikwischwili, Jan Pröhl, Jens Ochlast in „Das Bergwerk“. Foto: Birgit Hupfeld
Foto: fremd

Essen. Als der Bergbau ging, kam die Lethargie. Vielleicht war sie vorher schon da, aber der Kohlenstaub hat sie bedeckt. Bevor die Kohle ging, gab es mehr Geld, mehr Schnaps, mehr Spaß und selbst für den Pfarrer mehr zu tun. Dergleichen klingt wie eine Geschichte aus Baukau oder Bulmke-Hüllen. Aber „Das Bergwerk“, dessen deutschsprachige Erstaufführung das Schauspiel Essen am Wochenende verbuchen konnte, ist ein Stück über den Südwesten Polens.

Es ist sieben Jahre her, dass das Theater von Walbrzych (Waldenburg) dem Gegenwartsdramatiker Michael Walzczak ein Auftragswerk verschaffte. Es galt einer untergegangen Welt: der Steinkohleförderung. Sieben Jahre – und keinem deutschsprachigen Theater fiel ein, „Das Bergwerk“ zu spielen. Zu Recht.

Wäre nicht schon auf weiten Strecken Walczaks schlichter Sozialkitsch, gekleidet in fades Episodentum, zu beklagen, verhinderte Tilman Gerschs Inszenierung (in teils schlimmer Gripstheater-Manier) vollends, den Rest an Meriten des Stückes zu dokumentieren.

Kleiner Ort am Ende

„Das Bergwerk“: Ein kleiner Ort am Ende. Die Arbeit hat sich weggestohlen, das Leben aber, dieses miese kleine Stück, ist hängengeblieben. Die, in denen es noch müde pulst, saufen, gehen fremd, sehnen sich nach irgendwas, präsidieren in ausgehöhlten Hierarchien. Andere putzen die Fenster nicht mehr, weil die Aussicht sowieso scheiße ist, sind halbtot oder ganz. Oder so auf den Hund gekommen, dass außer Bellen schon lange nichts mehr geht. Was soll da noch ein fremder Gast in diese abgelebte Gemeinschaft bringen als: den Tod?! Eine fade, absehbare Pointe.

Es gibt große Beispiele in der Literatur, wie man den Schicksalen der kleinen Leute mehr als gernegroße Tragödien entlocken kann. Horváth hat damit wegweisend begonnen und womöglich ist er unerreicht geblieben. Walczak aber scheint sich vor allem vor seinen Ahnen verneigen zu wollen – und stolpert beim Knicks Richtung Gombrowicz und Mrosek. Er greift Theatertraditionen seiner Heimat auf, Groteske, schwarzes Märchen, Puppenspiel. Aber er verbindet sie zu kaum etwas Neuem. Zu etwas, das uns noch zu erreichen vermag – bis auf die beklemmende Einsicht in eine Dramenästhetik der 70er Jahre, die keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Man lauscht dem Pathos jener Binsen mit Grausen, die den Erhalt von Bergwerken fordern, weil sonst nur Oberfläche bleibe.

Apropos Grausen: Das hoffnungslos manifeste Bühnenbild Henrike Engels verdammt den Abend zu einer Dauergeisterbahn. Auto-Scooter, Lämpchen, Totenköpfe: So irrlichtern Schauspieler von ohnehin begrenztem Vermögen durch die allzu schwer auf ihnen lastende Dauersymbolik vom Jahrmarkt verlorener Illusionen. Erschrecken ist Alltagsgeschäft, leider auch für uns Zuschauer.

Ein bisschen Pütt-Poesie, die durchschimmert, ist alles, an das man sich nach zwei (gefühlt: vier) pausenlosen Stunden erinnert. Tilman Gersch hat die Seinen an einem banalen Abend vom Nichts zu nichts geführt. Für einen festen Platz im Spielplan scheint das etwas knapp kalkuliert.