Unersetzlich und lebendig

Verleihung des Deutschen Theaterpreises  im Essener Aalto-Theater. In seiner fünften Auflage kehrt der Preis an dem Ort zurück, wo er erstmalig vergeben wurde. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ Fotopool
Verleihung des Deutschen Theaterpreises im Essener Aalto-Theater. In seiner fünften Auflage kehrt der Preis an dem Ort zurück, wo er erstmalig vergeben wurde. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ Fotopool
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Essen.. Faust ist ein wunderbarer Mann. Er quält sich, nimmt Angst und Mühen auf sich und steht trotzdem am Abgrund – ganz wie ein Künstler. Es war eine gute Idee, den Theaterpreis des Deutschen Bühnenvereins „Faust“ zu nennen.

Faust ist auch ein armseliger Mann. Er strampelt und geht falsche Wege; auch daran erinnerte die festliche „Faust“-Verleihung, die am Samstag zu Ehren der Kulturhauptstadt im Essener Aalto stattfand. Denn Wolfram Koch und Samuel Finzi, die renommierten Schauspieler, verjuxten in ihrer Moderation das Theater und seine existenziellen Probleme; fingen launig an mit einer Satire auf das große Sparen, blödelten sich dann durch eine „Wetten-dass-Parodie“ und steigerten sich zur doofen Schlägerei mit Theaterblut und zerfetzten Hosen. Als am Ende Thomas Oberender seine kluge Laudatio auf den großen alten Wilfried Minks hielt, der für sein Lebenswerk geehrt wurde, lagen Koch und Finzi schnarchend im Hintergrund, was wohl als witzige Darstellung ausgepowerter Künstler gemeint war; Oberenders liebevolles Pathos aber wurde so konterkariert. Das war keine gute Idee.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte den Abend luzid eröffnet; er fand starke Worte für den Wert von Kunst und Kultur: das Theater habe nicht die Menschheit verändert, aber es habe Menschen fröhlich und zornig, nachdenklich und aufsässig gemacht. Deshalb sei Theater systemrelevant (Lammert benutzte das große Wort mit Ironie); und er bestand darauf, dass Theater unverzichtbar und unersetzlich sei – „anders, aber nicht weniger als Banken und Parlamente.“ Das brachte großen spontanen Applaus.

Kultur verbindet über die Parteien hinweg. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft lobte kurz und kräftig die Kulturhauptstadt, dann hob sie ebenso entschieden wie Lammert das gesellschaftliche Potenzial von Kultur hervor: „Wer auf die Kraft von Kunst und Kultur setzt, setzt auf die Zukunft. Wir brauchen lebendige und gelegentlich verstörende kulturelle Erlebnisse.“ Ganz großer Dank des Publikums.

Preisverleihungen sind eine Welt für sich; es dauert, und wer gerade nicht geehrt wird, mopst sich. Der „Faust“ aber bezieht Charme aus den wechselnden Laudatoren. Zehn Preise wurden vergeben, zehn Künstler gaben den jeweiligen Preisträger bekannt; vorher aber sprachen sie über ihr eigenes Metier, und das reichte vom Lob der Oper bis zu eigenwilligen Mitteilungen. Der Tänzer und Choreograf Ismael Ivo erschütterte erst durch eine endlose Rede in Semienglisch über die Frage, was Tanz sei, und dann mit der Antwort, die Wer-wars-denn-gleich-Forsythe-vielleicht? einem Tänzer gegeben habe: „Das war wunderbar – und warum? You shake your ass like an african!“ Es ging leider ein bisschen unter, ebenso wie die Bemerkung der iranischen Schauspielerin Pegah Ferydoni, die Goethe den schönen Schüttelreim zuschrieb: „Auf der Liebesreise/ sprach der Leibesriese:/ Bitte, reib es, Liese!’/ Und sie rieb es leise.“

War doch eigentlich ein schöner Abend.

Die Preisträger

Der Deutsche Bühnenverein, das Land NRW, die Kulturstiftung der Länder und die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste vergeben seit 2006 den „Faust“ jährlich für herausragende Leistungen in Tanz, Musik-, Sprech- und Kindertheater. Zwei der Preisträger 2010 waren bekannt: Der Ehrenpreis ging an den Bühnenbildner und Regisseur Wilfried Minks, der Preis des Präsidenten des Bühnenvereins an die 24 deutschen Landesbühnen für ihre Verdienste um die Kultur für alle. Alle anderen Preisträger wurden am Samstagabend bekannt gegeben.

Beste Regie Musiktheater: Claus Guth (Daphne, Frankfurt/M)

Regie Schauspiel: Roger Vontobel, Hausregisseur am Schauspiel Bochum. Den Preis bekam er für eine Inszenierung in Dresden: Don Carlos.

Als beste Schauspieler wurden wegen Stimmengleichheit Paul Herwig (Kleiner Mann, was nun, München) und Sophie Rois (Mädchen in Uniform, Hamburg) geehrt.

Sängerin: Eva-Maria Westbroek (Jenufa, München)

Choreografie: Constanza Macras (Megalopolis, Berlin)

Tänzer: Richard Siegal (Logobi 05, Hamburg)

Kinder- und Jugendtheater: Markus Bothe (Roter Ritter Parzival, Frankfurt/M)

Kostüm/Bühne: Thomas Dreißigacker/Maria Roers (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, Köln).

Die Veranstaltung ist am 5. Dezember ab 10.45 Uhr auf 3sat zu sehen.

 
 

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