Und Geschichte wiederholt sich doch

Dortmund.  Wer die deutsche Erstaufführung eines Stückes plant, der sollte sich tunlichst nicht zu weit vom ursprünglichen Text entfernen – und schon gar nicht von einer „eigenen Fassung“ sprechen. Der Regisseur Ed. Hauswirth, der Joel Pommerats französisches Erfolgsstück „Ca ira (1) Fin de Louis (La Révolution #1)“ am Dortmunder Theater herausbringen wollte, hat in den Proben zu spüren bekommen, wohin so etwas führen kann: Pommerat zog den Titel seiner Arbeit über die Französische Revolution zurück und damit den Begriff „Erstaufführung“. Was am Wochenende nun letztendlich Premiere hatte, nennt sich jetzt „Triumph der Freiheit“, dampft die Spiellänge von fast fünf auf drei Stunden ein und bedient sich heftig der Video-Technik.

Man kann Hauswirth die Verknappung kaum übelnehmen, denn das umfangreiche Stück besteht fast ausschließlich aus politischen Debatten, lange Zeit spröde und ausführlich, bis mit zunehmender Radikalisierung die Reden feuriger werden. Pommerat will die allmähliche Entwicklung zeigen, die nach unendlicher Rede und Gegenrede im Nationalkonvent sich schließlich Luft schafft im Ausbruch der Revolution. Wir sehen dabei im Prinzip eine Blaupause für Vieles, das uns auch heute immer wieder beschäftigt. Angefangen bei der Rede des Premierministers, der schonungslos die Schulden des Staates offenlegt und den Bankrott prophezeit, sollte nicht unverzüglich eine Steuerreform greifen, die keine Rücksicht mehr nimmt auf die bisherigen Privilegien von Kirche und Adel.

Auch später spürt man in den Reden und Aktionen immer wieder, dass Geschichte sich gern wiederholt, dass einen die Vergangenheit bis in die Gegenwart verfolgt. Wenn der König gegen das eigene Volk mobilmachen lässt, weckt das Erinnerungen an jüngste Vergangenheit, wenn per Video von blutigen ersten Straßenkämpfen berichtet wird, schmecken wir die Tagesschau. Hauswirth lässt auf Streifbändern von „terroristischen Aktionen“ sprechen und von Gräueltaten auf offener Straße. Irgendwie scheint es denn auch unvermeidlich, dass der angeschlagene König am Ende von „Ca ira“ (etwa: das wird schon) säuselt und das, natürlich, mit „Wir schaffen das“ übersetzt wird.

Die Regie schafft es in dieser Bearbeitung zwar, sich weitgehend an den Dialogen der Vorlage zu orientieren, trotzdem aber hat man hier fast nie den Eindruck, dass sprödes Papier abgearbeitet wird. Gespielt wird auf einer quadratischen, schwarz-weißen Fläche auf Stahlfedern (Bühne: Susanne Priebs), die ein wenig zu deutlich von Schwanken und Absturzgefahr kündet. Und wenn man schon derart auf Video setzt, dann sollte man endlich auch versuchen, den live produzierten Greenscreen-Bildern (Voxi Bärenklau und sputnic), die um die Köpfe der Zuschauer fliegen, sprachlich Synchronität zu verleihen. Die elf Schauspieler des starken Ensembles hingegen sind ganz synchron mit ihren Figuren, vor allem Björn Gabriel bleibt als Zerrbild eines dekadenten Adligen in Erinnerung.

 
 

EURE FAVORITEN