Und die Welt steht still

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Essen. In Seelenruhe - wir machen uns auf die Suche nach einem vergessenen Gemütszustand. Stress ist das Mantra unserer Zeit. Doch wie können wir die Ruhe wiederentdecken? Wir fragten einen Yogaguru und haben auch sonst ein paar Ratschläge für Sie.

Ein Arbeitstag wie jeder andere: Zwischen zwei Terminen ist spontan ein weiterer dazugekommen. Eine Einzelstunde Yoga könne mir gewährt werden, vom indischen Yogaguru Swami Kripananda. „Ist aber nur noch heute im Lande”, erklärt mir die Frau am Telefon. Und: „Er eröffnet Ihnen ganz neue Perspektiven!” Stress wie immer, denke ich, und sehe mich schon heillos verknotet auf einer Wolldecke niedergestreckt, während in der Tasche das Handy bimmelt und der Countdown bis zur Nachmittagskonferenz abläuft.

Yoga kann das Leben verändern

Überhaupt: Yoga? Ich erinnere mich an einen Volkshochschulkurs im letzten Jahrtausend, von dem ich nur eine Isomatte behalten habe. Mir fällt eine alte Bekannte ein, die mir kürzlich eröffnete, sie habe von Sozialarbeit auf Yogalehrerin umgeschult. „Yoga kann dann Leben verändern”, so ungefähr hat sie sich ausgedrückt, mit leuchtenden Augen übrigens (ich habe das damals nicht ernst genommen). Eine Kurzrecherche im Netz ergibt: Sting sagt das auch. Gwyneth Paltrow schwört drauf. Und Schauspieler Ralf Bauer kann sich keinen Tag ohne vorstellen. Yoga, diese uralte Lehre mit Wurzeln im Hinduismus und Buddhismus, kann Körper, Geist und Seele in Einklang bringen ohne ideologische Scheuklappen, da sind sich Fachleute offenbar einig. Keine Sekte, keine Religion, dafür Glück durch Gymnastik, Atemübungen und Meditation, made in India. Was soll's. Neue Perspektiven sind mein Beruf. Ich sage zu.

Er sieht nicht aus wie ein Meister der Askese

Swami, „nenn' mich Swami!”, klärt er schon an der Tür die Formalitäten. Er sieht nicht aus, wie man sich einen Meister der Askese und Körperbeherrschung vorstellt. Gedrungen, dicklich beinahe und mit einem breiten Lächeln gibt er sehr bestimmt die erste Lektion seiner Wissenschaft. „Yoga ist nicht Gymnastik, Yoga ist eine innere Einstellung”, erklärt der Mann, der Universitätsabschlüsse in Physiotherapie, auch als Fitnesstrainer vorweisen kann und Workshops in der ganzen Welt abhält, und geleitet mich in den Yogaraum – ein helles Zimmer mit Matten und Decken. „Die Übungen dienen dazu, die Balance zwischen Körper und Seele herzustellen.” Das Ziel? „Reinigung, Gelassenheit, die innere Ruhe.” Ich schiele auf mein Mobiltelefon. Es sollte längst eine Nachricht von meinem Vermieter gekommen sein. Außerdem sitze ich auf heißen Kohlen – im Büro warten ein volles E-Mail-Fach, gefühlte 500 Telefonate und drei Kollegen mit Gesprächsbedarf. Hoffentlich dauert der Vortrag nicht zu lange.

Jeder kann Yoga

„Ich bin nicht sehr gelenkig”, gestehe ich dem Meister, der sich bereits auf ein Kissen hat fallen lassen. „Jeder kann Yoga”, sagt Swami. „Daran, wie jemand sitzt, steht, sich bewegt, kann man sehen, wie Körper und Seele sich zueinander verhalten.” Meine rechte Schulter ist im Sitzen höher als die linke, findet er. „Dein Gewicht ruht auf der rechten Körperhälfte.” Ich muss zugeben: So habe ich es noch nie gesehen. „Weil du die linke Gehirnhälfte übermäßig anstrengst.” Ich erinnere mich wage. Linke und rechte Gehirnhälfte: Links denkt und berechnet, rechts ist zuständig für Intuition und Kreativität. „Stell dich vor den Spiegel!” Sieht doch ganz in Ordnung aus, denke ich. „Schau selbst: Dein rechter Fuß steht weiter vorne als der linke. Das Gewicht ruht rechts. Du bist ein ziemlich analytischer Typ, oder?” Langsam beginnt mich die Sache zu interessieren. „Wir machen jetzt ein paar Übungen, um die Balance zwischen links und rechts wieder ins Reine zu bringen.” Ok.

Ich stehe seitlich, „beuge den Oberkörper nach links!” Das funktioniert passabel, bis der Guru eingreift. „Schieb die Hüfte nach vorne”, er dreht ein Gelenk. Jetzt tut es weh. Mich wundert, dass ich mir das von dem fremden Mann gefallen lasse. Aber seine Hände sind vielmehr geschickt als aufdringlich. Sie finden den neuralgischen Punkt. „Jetzt ist es gut.” Ich konzentriere mich auf meinen Körper. Er steht stabil. Der Schmerz lässt sich aushalten. Dann lässt er nach und es wird still. Das Zimmer muss zum Hof raus liegen, denke ich. Und dass mir das eben nicht aufgefallen ist. „Hast du eine wichtige Verabredung? Dein Handy klingelt”, durchbricht der Meister den raren Moment. Das muss mir entgangen sein. „Nein”, sage ich, „habe ich nicht”.

Morgen habe ich Muskelkater

Ich liege auf dem Rücken. „Heb deine Beine, Zentimeter für Zentimeter”. Es zieht im Bauch, bis der Unterkörper im rechten Winkel zum Oberkörper in der Luft hängt. „Das ist die Waage”, sagt Swami. „Bleib so!” Anstrengend, denke ich, und dass ich morgen Muskelkater haben werde. „Atme ein und aus.” Der Meister spricht nicht viel, er schiebt meine Beine ein wenig höher. Es ist sehr viel bequemer so, und ich frage mich, woher er das weiss. Mit der Zeit verändert sich etwas. Die Muskeln verschwinden aus meinem Bewusstsein, was bleibt: Der Raum dazwischen. Wir liegen auf dem Rücken und schweigen. Wenn man erstmal seine Position gefunden hat, wird der Kopf frei. Soll Seelenfrieden so einfach sein?

Und nun noch eine Meditation

„Wir machen eine Übung mit Meditation, wenn du willst.” Warum nicht, es läuft besser, als ich dachte. Jedenfalls fühlt es sich nicht mehr an wie ein Termin zwischen zwei Terminen. „Setz dich auf den Stuhl und schließe die Augen.” Dass eine so große Stadt so plötzlich so still werden kann, denke ich.

Der Yogameister dreht langsam meinen Kopf, so langsam, dass fast keine Bewegung spürbar ist. Er verrückt meinen Arm. Millimeter in Minuten. Ruhe. Ruhe. Ruhe. Dann packt er zu, und halb tragend, halb ziehend, befördert er mich auf den Boden. Ich erschrecke nicht. Ich verletze mich nicht. Ich liege nur da und registriere: Der Zustand ist angenehm. Dann passiert nichts. Ich höre meinen Herzschlag. Ich höre die Stille. Es formt sich ein Gedanke, so langsam, wie mein Körper seine Haltung verändert hat: Es macht nichts. Es muss nichts passieren. „Jetzt ist es gut”, sagt Swami nach einer halben Ewigkeit, Ja, denke ich überrascht. Jetzt ist es gut!

Achja. Mein Fotokollege hat mir später erzählt, der Meister hätte während der Meditation seltsame Verrenkungen über mir vollführt. Und natürlich habe ich am Ende die Konferenz verpasst. Ich konnte den Kollegen nichtmal Bescheid sagen. Ich hatte nämlich mein Handy im Yogaraum völlig vergessen.

 
 

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