Umjubelte Trashtheater-Inszenierung von "Rheingold" in Bayreuth

Tankstelle und Motel in Orginalgröße auf der Drehbühne sind nur der Auftakt einer Folge von Raumlösungen, die die Geschichte des Bühnenbildes prägen werden.
Tankstelle und Motel in Orginalgröße auf der Drehbühne sind nur der Auftakt einer Folge von Raumlösungen, die die Geschichte des Bühnenbildes prägen werden.
Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Frank Castorfs Auftakt zur großen "Ring"-Tetralogie ist mit Bravo-Rufen gefeiert worden. Die Buh-Orkane der vergangenen Jahre sind verstummt.

Bayreuth.. Wotans Motel und Alberichs Tankstelle sind nur auf den ersten Blick Lichtjahre von Walhall und Nibelheim entfernt. In diesem Ambiente legen sich schmierige Typen gegenseitig aufs Kreuz, genau wie Richard Wagner es in seinem "Rheingold" geschrieben hat. Frank Castorfs Auftakt zur großen "Ring"-Tetralogie ist jetzt mit Bravo-Rufen auf dem Grünen Hügel gefeiert worden. Die Buh-Orkane der vergangenen Jahre sind verstummt; das Publikum hat seinen Spaß an dieser frechen und durch die Brille des Trashtheaters gesehenen Interpretation der Geschichte, bei der es so viel zu entdecken gibt.

Frank Castorfs "Ring" geht jetzt in die vierte Runde, und er hat sich noch nicht verbraucht, im Gegenteil. Der scheidende Intendant der Berliner Volksbühne untersucht im "Rheingold" den Konflikt präzise, aus dem dann das ganze Weltendrama mit anschließender Götterdämmerung entsteht. Wotan will die Riesen um ihren Baulohn prellen, und als diese Moskau Inkasso anrücken lassen, handelt er mit ihnen einen Deal um das Rheingold aus, das ihm nicht gehört und das er noch nicht einmal hat. Alberich um seinen Schatz zu betrügen, setzt eine Ereigniskette in Gang, für die Wagner mit 16 Nettostunden Musik das gewaltigste Drama der Operngeschichte geschaffen hat.

Alberich ist die einzige wirklich tragische Figur in dieser Erzählung. Nur sein Qietsche-Entchen spendet ihm Trost, die Rheintöchter verladen ihn ansonsten mit Wonne. Charaktere auf der Grenze sind eine Spezialität von Bassbariton Albert Dohmen. Sein Alberich ist nicht sympathisch. Aber man kauft ihm ab, dass er die Liebe für Macht aufgibt, um endlich auch mal oben zu sein. Demütigung ist gefährlich, selbst für den vermeintlich Stärkeren. Diese Erkenntnis muss Wotan bitter bezahlen. Denn Alberichs Fluch wird in Dohmens bitterschwarzen Interpretation zum Rachemanifest der geschundenen Kreatur.

Der Göttervater selbst trickst sich durch seine Ehe und seine Geschäfte. Iain Paterson hat 2015 in Bayreuth als Kurwenal im Tristan debütiert und ist nun erstmals auf dem Grünen Hügel als Wotan zu hören. Er legt die Partie recht hoch und lyrisch an, eine kaputte Type, aber nicht uncharmant. Roberto Sacca ist als Loge die rechte Hand dieses Patrone, ein öliger Strippenzieher mit feurigem Tenor und der Gescheiteste der Truppe. Nadine Weissmann überzeugt einmal mehr als bildschöne Erda mit sensationeller Stimme.

Abenteuer auf der Bühne werden auf Großbildschirmen gedoppelt

Die Abenteuer auf der Bühne werden auf Großbildschirmen gedoppelt, deshalb sind ständig Kameraleute unterwegs, die das Geschehen ganz nah heranholen und damit gleichzeitig eine gewisse Distanz schaffen. Denn hier tritt das Personal aus B-Gangsterfilmen auf, skeptisch beobachtet von einem stummen namenlosen Zeugen, gespielt von Regieassistent Patric Seibert, den Frank Castorf eingeführt hat. Der ist allgegenwärtig und stört alle bei ihren Geschäften, deshalb kriegt er ständig eins auf die Mütze.

Aleksandar Denic hat für den gesamten "Ring" eine spektakuläre und inzwischen zu Recht preisgekrönte Bühnenarchitektur geschaffen. Motel und Tankstelle in Orginalgröße auf der Drehbühne sind nur der Auftakt einer Folge von Raumlösungen, die die Geschichte des Bühnenbildes prägen werden.

Silberner Wohnwagen als Rückzugsort

Der silberne Wohnwagen tritt als Alberichs Schmiede und Rückzugsort erstmals auf. Er wird in allen "Ring"-Opern eine Rolle spielen und steht als Symbol für all das, was den Protagonisten fehlt: Schutz, ein Zuhause, ein kleines Glück im großen Weltentrubel.

Viele Bravos gibt es auch für den Dortmunder Alt-GMD Marek Janowski, der das Dirigat von Kirill Petrenko übernommen hat und die Partitur mit rasiermesserscharfen Präzision modelliert.

 
 

EURE FAVORITEN