Über das Böse in uns

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Essen. Warum Menschen anderen Menschen etwas antun können, erleutern zwei aktuelle Bücher: „Die Lust am Bösen“ von dem Schweizer Journalist Eugen Sorg und „Der Sinn des Lebens“ von Kulturtheorie-Professor Terry Eagleton.

Nehmen wir zum Beispiel Osama bin Laden. Er war (aus unserer Sicht) kein guter Mensch. Aber war er: böse? Verkörperte er eine Kraft, über deren Ende man sich folglich freuen dürfte?

Was „das Böse“ ist, dieser Frage gehen zwei aktuelle Bücher nach – die sich just an der Frage des islamistischen Terrorismus spalten. Der Brite Terry Eagleton argumentiert, dem Terrorismus die Größe des Bösen zuzusprechen käme einer gefährlichen Überhöhung gleich. Der Schweizer Journalist Eugen Sorg hingegen kommt zu dem Schluss: „Der radikale Islam verkörpert die zeitgenössische Ideologie des Bösen.“

Die „schwarze Utopie“

Sorg war lange Jahre Kriegsreporter. Sein Buch „Die Lust am Bösen“ lebt zunächst von Beispielen: Auf dem Balkan, in Afghanistan oder Somalia erlebte er, was Menschen Menschen antun können. Von hier ist es für ihn nicht weit zu jugendlichen U-Bahn-Schlägern und Vergewaltigern – denen aber zu seinem Entsetzen von den Zivilgesellschaften stets mildernde Umstände zugesprochen werden. Dies zeige, „wie eine Weltanschauung, die das Böse programmatisch eliminiert, diesem unwillentlich und naiv Schutz und Unterschlupf gewährt“. Aber was ist genau „das Böse“, wie definiert er es? Sorg bleibt die Antwort schuldig.

Und ist sich doch umso sicherer, dass ein islamistischer Terrorrist „das Böse“ verkörpert. Der Kern des radikalen Islam (den er mit keinem Wort von etwas weniger kriegerischen Formen der Weltreligion abgrenzt) ist ihm ein „Todeskult“, „seine Krieger sind Partisanen des Nichts. Ihr Kalifat ist die Verneinung der Schöpfung, eine schwarze Utopie, die Herrschaft des Antihumanen.“ Sorg gehört, diese Schweizer Interna sollte man wissen, zu jenen Journalisten, die im Dunstkreis der nationalkonservativen SVP Karriere machen. Zum Schluss zitiert er Baudelaire: „Die größte List des Teufels war es, uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.“

Gottes Gegenpart

Um zu verstehen, warum Terry Eagleton den islamistischen Terrorismus zwar entsetzlich und schlecht nennt, aber nicht „böse“, muss man ihm auf einer Reise durch die Kultur- und Religionsgeschichte folgen. Eagleton, britischer Professor für Kulturtheorie und Literatur, bekennender Katholik und gläubiger Marxist, spürt Spielarten des Bösen nach: Einerseits sind „Vampire, Mumien, Zombies, verwesende Körper, wahnsinniges Gelächter“ die letzten Mittel einer „abgestumpften“ Postmoderne, „Schockwirkung zu erzielen“. Andererseits stille das Böse geradezu unsere Sehnsucht nach etwas, das über unsere skeptische Realität hinausweist: „Vielleicht ist das die einzige Form der Transzendenz, die in einer postreligiösen Welt noch bleibt. Wir kennen keine Chöre himmlischer Heerscharen mehr, aber wir kennen Auschwitz. Vielleicht bleibt von Gott nur noch diese negative Spur . . .“

Aber wie kann Gott das Böse zulassen? In Dostojewskis „Brüdern Karamasow“ heißt es, „eine Welt ohne Böses wäre zu fad, um uns zu tugendhaftem Handeln zu veranlassen“. Im Alten Testament hingegen erklärt Gott dem armen Hiob, dass schon die Frage falsch ist: weil er sich außerhalb der Reichweite menschlicher Logik befände. Viele Philosophen, darunter Kant, halten die Theodizee (eben: die „Rechtfertigung“ Gottes vor dem Elend in der Welt) denn auch für ein absurdes Bemühen.

Eine Erleichterung der inneren Qual

Wie kommt das Böse in den Menschen? Arthur Schopenhauer legte schon in seiner „Welt als Wille und Vorstellung“ dar, dass böse Taten (in Abgrenzung zu guten oder „nur“ schlechten) eine Erleichterung von einer inneren Qual schaffen – indem man andere quält. Auch hier ist das Böse irrational, durch kein Ereignis der äußeren Welt begründet.

Und eben dies lässt Eagleton argumentieren: Der islamistische Terrorismus ist „eher schlecht als böse“. Haben Terroristen doch durchaus rationale Begründungen für ihr Tun, wie „entsetzlich verquer“ ihre Gedankenwelt auch immer sein mag. „Wenn wir Terrorismus als böse definieren, verschärfen wir das Problem; und wenn wir das Problem verschärfen, spielen wir – wie unbewusst auch immer – jener Barbarei in die Hände, die wir verurteilen.“

  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Nagel & Kimche, 154 Seiten, 14,99 Euro, Terry Eagleton: Das Böse. Ullstein, 208 Seiten, 18 Euro
 
 

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