„Tristan und Isolde“ in Dortmund – Liebe in der Diktatur

Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes).
Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes).
Foto: thomas.m.jauk
Es gab Buhs und Begeisterung: Eine hochpolitische Deutung von „Tristan und Isolde“ wagt der Intendant der Dortmunder Oper. Musikalisch bestechend.

Dortmund. Wie Dortmunds Opernintendant Jens-Daniel Herzog da am Ende freundlich lächelnd im Buh-Regen steht (von Bravos durchwirkt), kann er einem leid tun. Er hat viel geleistet, einen packenden Opernabend inszeniert. Aber Wagnerianer sind halt ein zähes Volk, ihren „Tristan“ hätten sie am liebsten unter Denkmalschutz.

Davon allerdings ist diese Neuinszenierung weit entfernt. Herzog, ohnehin keiner, der der Liebe blind vertraut, setzt das berühmte Liebespaar der bleiernen Last einer Militärdiktatur aus. So wenig Hoffnung war nie, da neben den hässlichen Repräsentationssälen der Ceaușescus und Pinochets gleich die Folterkammern und Verhörräume für politische Gegner siedeln.

Machtzentrale in auswegloser Rotation

Mathis Neidharts Bühne ist eine ausweglos rotierende Machtzentrale. „Welten-entronnen“ ist hier nichts. Herzog erzählt von der Unentrinnbarkeit in einem System aus Kälte und Kontrolle – und verschiebt den Tabubruch des Paars in Richtung politisches System und Hierarchie. Um den Buh-Rufern ernst zu lauschen: Ganz unbegründet war ihr Getön nicht. Denn Herzogs Transfer ist schief. Wagners Mittelalter ist ein kultiviertes System der Abhängigkeiten zwischen Rittern und Königen: verantwortungsvoll in beide Richtungen, von Ehre, Fürsorge, Pflicht und begriffener Schuld geprägt. Nichts von dem konfiguriert einen Junta-Staat, der egoistisch ist, ohne Werte, und nur Autorität besitzt, weil er autoritär ist. Doch legt man den Einwand beiseite, lässt man sich also ein, erlebt man einen aufregenden, in seinen besten Momenten anrührenden Abend, schauspielerisch erstklassig geführt, vielfach fabelhaft gesungen und musiziert.

Eine Anti-Hymne an die Macht

Zur Erinnerung: Isolde ist König Marke versprochen. Frei für die Vernunftehe ist sie durch den Tod ihres Bräutigams. Den hat Tristan auf dem Gewissen. Mit einem Todestrank will sie ihr sinn- und Tristans wertloses Leben beenden. Ihre Dienerin aber wählt mitleidsvoll den Liebestrank. Der setzt frei, was ohnehin gor: Leidenschaft über alle irdischen Gebote hinweg.

Herzog lässt alle Handlung in dieser Anti-Hymne an die Macht äußerst irdisch erscheinen. Den Liebestrank gibt es aus der Thermoskanne, und Isolde löscht die nächtliche Fackel mit einem Axthieb auf den Stromkasten – in jener Welt, die in den 1940ern, 1950ern spielen könnte. Doch das sind Oberflächlichkeiten, zu vernachlässigen wie die provinzielle Einwandererpantomime im ersten Aufzug. Wirklich bannend gerät Herzog die Figurenzeichnung. Einerseits weil er – lange vor dessen Auftritt – König Marke (in jeder Amtsstube überm Schreibtisch) Präsenz gibt in dieser schicksalhaften Drei-Uneinigkeit. Andererseits weil er über das Biedermännische, das diesen Schreibtisch-Militär Tristan charakterisiert, die todesmutige Liebe einer enormen Fallhöhe zutreibt. Wie ein trotziges Kind reißt sich Tristan die Orden vom Leib, da er begreift, worum es geht im Leben. Herzog findet sprechende Bilder für seine Lesart. Beklemmend erleben selbst wir als Zuschauer, das uns in diesem Staat ein Kuss obszöner vorkommt als die (nicht eben schonungslos gezeigte) Folter gleich nebenan.

Applaus für sensationelle Isolde

Musikalisch ist der neue Dortmunder „Tristan“, der so ganz anders ist als John Dews subtile Hysterie-Studie aus dem Jahr 2000, ein Ereignis. Wo hört man eine Isolde wie Allison Oakes, die sich nicht mit Sopran-Fanfaren begnügt, sondern mädchenhaft fragile Farben singt, dazu in makelloser Diktion? Das hat Ereignis-Charakter. Trotz kleiner Einwände (die großen Bögen beginnen zu leiern, das Piano ist mitunter unstet) leistet Lance Ryan (Tristan) Großes, als vokaler Menschenbildner zumal. Karl-Heinz Lehners Bass (schon Dews Marke) rührt mit der Studie eines mächtigen Schmerzensmannes. Martina Dikes Brangäne ist edel, streng und sinnlich zugleich. Sangmin Lee singt einen glänzenden Belcanto-Kurwenal. Jubel für Dortmunds Philharmoniker, die von der Bass-Klarinette bis zur Cello-Gruppe einen exzeptionellen Abend spielten. Gabriel Feltz am Pult (nur selten zu laut) zeigt seine Stärken im Auffächern nachtschwarzer Lyrik, ohne je pathetisch zu schleppen. Heftiger, begeisterter Beifall.

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„Tristan und Isolde“: 20.9., 3.10., 22.11., 17.1., 17.4., 29.5. Kartenbestellung (15-49€) unter 0231-5027222. Für die Pausen können Tische im Theaterbistro bestellt werden.


Allison Oakes verkörpert die Isolde alternierend mit Rebecca Teem. Wer wann singt, wird im Internet bekanntgegeben: www.theaterdo.de

 
 

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