Trikot-Tausch mit Magellan

Szene aus „Das Ding“ bei den Ruhrfestspielen.  Foto: Kerstin Schomburg
Szene aus „Das Ding“ bei den Ruhrfestspielen. Foto: Kerstin Schomburg
Foto: Ruhrfestspiele

Recklinghausen. In den Zeiten der Globalisierung haben viele Dinge eine sehr komplexe Geschichte. Nehmen wir nur die Pistole, mit der ein Chinese in Deutschland auf seinen Nebenbuhler anlegt, stattdessen aber dessen Frau trifft, die er aus dem Internet als Porno-„Princess“ kennt und in die er sich verliebt hat. Die Waffe hat er von einem Entwicklungshelfer gekauft, der mit Öko-Samen in Afrika nicht vorankommt und der nun versucht, mit alten Bürgerkriegswaffen für seine Bauern illegal Geld zu beschaffen. Nur: Die UNO hat diese Waffen im Prinzip untauglich gemacht, weshalb sie nie mehr richtig treffen. Darum der Fehlschuss.

Um Philipp Löhles neues Stück „Das Ding“ zu beschreiben, das jetzt im Theaterzelt der Ruhrfestspiele seine Uraufführung erlebte, könnte man an vielen Stellen beginnen, man würde sich doch nur immer wieder global verheddern. Alles ist irgendwie miteinander verwoben, ganz besonders das Titel-„Ding“, das sich als Baumwollsaat zu erkennen gibt: gepflückt in Afrika, gepult in China, aufgegangen in einem Fußballtrikot. Gebadet im Schweiß eines deutschen Nachwuchsspielers, anschließend als Reizwäsche missbraucht für die Internet-Auftritte von dessen exhibitionistischer Schwester. Schließlich (mit Kugelloch) wieder in Afrika gelandet, wo der Baumwollpflücker vom Anfang es nun als Totenkleidung an morbide Interessenten verhökert.

Fünf Schauspieler, fünf Stühle und ein Ding

Löhle versucht sich an einem großen ökonomischen Welttheater, dessen Beginn er in einem überraschenden Vorspiel bei dem portugiesischen Entdecker Magellan und dessen Weltumseglungsplänen verortet. Regisseur Jan Philipp Gloger tut in seiner Inszenierung für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg das einzig Richtige: Er verknappt die ständig rotierende Handlungswelt mit ihren zahlreichen Rollen auf fünf Schauspieler und fünf Stühle und lässt mit nur wenigen Requisiten zum Publikum gewandt drauflos spielen, bis all die vielen Handlungsstränge plötzlich einfach und durchschaubar scheinen.

Das hervorragende kleine Ensemble arbeitet sich voller Lust ab an Löhles Schicksals-Kombinationen und gibt 105 Minuten lang Druck. Dass der Autor sich dabei auch noch mit viel Witz den Absurditäten des globalen Kunstbetriebs, der Reststoffverwertung und des Ökolandbaus annimmt, lässt den Aufmerksamkeitsfaktor an keiner Stelle absinken. Hier wurde in kleinem Zelt ein künftiger Klassiker der kleinen Form geboren.

 
 

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