Treue Opern-Abonnentin mit 104 Jahren

Sophia Marl, 104 Jahre alt, gehört zu den ältesten Theater- und Opernabonnenten in Deutschland. Wir trafen sie zum Interview in ihrer Wohnung in Hagen.
Sophia Marl, 104 Jahre alt, gehört zu den ältesten Theater- und Opernabonnenten in Deutschland. Wir trafen sie zum Interview in ihrer Wohnung in Hagen.
Foto: Ralf Rottmann
Abonnentin am Hagener Theater ist Sophia Marl seit 75 Jahren. Aber ihre Liebe zum Musiktheater ist noch viel älter. Kaum zu glauben: Als Schülerin bekam sie sogar Besuch von Cosima Wagner. Ein Besuch bei einer 104-jährigen Opernenthusiastin.

Hagen. Wäre dies ein schwedischer Bestseller, müsste sein Titel lauten: „Die 104-Jährige, die in die Loge stieg und nie wieder daraus verschwand.“ Aber dies ist kein Roman, dies ist ein Besuch bei der wahrscheinlich ältesten Opernabonnentin Deutschlands. Im Interview spricht Sophia Marl (104) über Wagner, Buh-Rufe und die Theater-Liebe.

Frau Marl, Sie schenken mir Zeit, ich Ihnen eine Flasche Wein....

Sophia Marl: Sollen wir sie gleich öffnen?

(Frau Marl lächelt verschmitzt. Es ist 15.30 Uhr)

Die trinken Sie vielleicht später mal, um sich von der Presse zu erholen. Ich bin ja hier, um einer Rekordhalterin zu begegnen. Sie sind vielleicht die älteste Opernabonnentin Deutschlands, älter als „Der Rosenkavalier“. Als Sie geboren wurden, sang Caruso noch und Puccini hatte keine Note seiner „Turandot“ geschrieben...

Marl: Darüber habe ich so noch gar nicht nachgedacht. Aber wenn Sie es sagen...

„Cosima kam, setzte sich ans Klavier und brachte uns diese Musik nahe.“

Wann fing Ihre Opernliebe an?

Marl: Wahrscheinlich in der Schule. Wir haben Theater gespielt, viel gesungen. Und uns wurde auf dem Klavier vorgespielt – von der Cosima Wagner.

Wie bitte? Richard Wagners Frau? Frau Marl, mit Ihnen steigt man ja in eine Zeitmaschine!

Marl: Wir waren in der Nähe von Bayreuth in der Oberstufe und Cosima kam, setzte sich Sonntagnachmittag ans Klavier und brachte uns diese Musik nahe.

„Wir gehen mal auf den Hügel, wir finden schon was.“

Waren Sie auch bei den Wagner-Festspielen?

Marl: Später ja: Eine Studienkollegin hatte gute Kontakte zu den Festspielen, aber keine Karte. Die sagte: „Wir gehen mal auf den Hügel, wir finden schon was.“ Und wen haben wir getroffen? Den Wolfgang Windgassen!

Den großen Wagner-Tenor?!

Marl: Ja, meine Freundin hat mich ihm vorgestellt. Ich sagte: „Ich komme aus Westfalen und möchte Sie doch gerne als ,Siegfried’ sehen.“ Er hat gesagt: „Sie kommen in die erste Reihe!“ – er hat Wort gehalten. Ich brauchte nicht zu bezahlen. Er sang später auch mal in Hagen, wieder „Siegfried“.

Haben Sie ihn da angesprochen?

Marl: Ja, ich hatte eine Freundin, die stand auch ein bisschen auf Wagner. Wir haben dem Windgassen Blumen geschickt. Und er ist nach der Hagener Vorstellung zu uns gekommen, ins Theater-Restaurant. Er hat uns einen Schnaps ausgegeben.

„Die Geschichte reizt mich, der moralische Kern“

Da ist man dann wahrscheinlich auf ewig geimpft für die Oper?

Marl: Naja, eine Freikarte und ein Schnaps, das reicht nicht für ein Leben. Meine Begeisterung kam wirklich aus Liebe zur Sache.

Was ist Ihnen denn das Schönste an der Oper?

Marl: Der Inhalt, die Geschichte, ihr moralischer Kern. Das reizt mich. Wie bringt die Regie das auf den Punkt? Wie wird es dargestellt?

Die Oper ist voll von traurigen Schicksalen: Aida, Traviata...

Marl: Ich habe ja auch viel Trauriges erfahren, man gleicht sein eigenes Leben ja damit ab und fragt: Was hättest du getan in der Situation?

„Buh-Rufe finde ich nicht gut!“

Sie gehen fast neun Jahrzehnte in die Oper. Heute setzt man den „Figaro“ schon mal aufs Motorrad. Leiden Sie darunter?

Marl: Sicher, die Moden, man macht heute oft was ganz anderes draus. Viele lehnen das ab. Ich sage mir eher: Es ist mal ein anderer Gedanke. Und der Sinn bleibt ja doch erhalten. Ich finde das nicht so schlecht. Der Wandel interessiert mich.

Für Ihre 104 Jahre sind Sie ziemlich tolerant, was Regietheater angeht.

Marl: Ach, man muss doch offen bleiben. Buh-Rufe finde ich nicht gut. Das sind dann Leute, die schon mit einer festen Meinung ins Theater kommen und es soll so laufen, wie sie sich das wünschen. Das ist nicht meine Art. Erst mal soll man Respekt haben vor dem, was da oben auf der Bühne geleistet wird.

„Theater soll etwas Besonderes sein“

Ihr Abonnement hat 1938 begonnen. Hat sich das Publikum verändert?

Marl: Ich habe den Eindruck, man achtet nicht mehr so sehr auf den Nachbarn, seine Mitmenschen – vor allem bei der Hilfsbereitschaft.

Und die Kleidung?

Marl: Ich selbst ziehe mich immer noch festlich an. Das Theater soll etwas Besonderes sein. Insgesamt ist das leider zurückgegangen. Im langen Kleid geht ja zum Nachmittags-Abonnement keiner mehr. Ich bereite mich aber auch vor auf die Oper, morgens lese ich noch den Text. Man hat einfach mehr davon.

Es ist das Einzige, von dem ich sagen kann: „Da freue ich mich drauf!“

Ganz leicht wird mit 104 Jahren der Weg in die Oper dennoch nicht fallen. Haben Sie schon mal gedacht: „Ich verlängere mein Abo nicht“?

Marl: Gedacht habe ich das schon. Aber dann habe ich doch wieder gebucht und mir gesagt „Es wird schon klappen!“. Wissen Sie: Im Grunde ist es das Einzige, von dem ich sagen kann: Da freue ich mich drauf! Und wenn es mir mal nicht gut geht, nehme ich vorher eine Schmerztablette. Es wäre doch schade um den Kunstgenuss.

Nach 75 Jahren im festen Abonnement bedankte sich das Theater Hagen für die außergewöhnliche Treue bei der pensionierten Lehrerin jetzt mit einem Frei-Abo „auf Lebenszeit“.

Auch Musicals lässt Frau Marl nicht aus, wenn das Abo sie zeigt – vom „kleinen Horror-Laden“ bis zur „Rocky Horror Picture Show“. „Das zieht die Jüngeren ins Theater“, sagt sie und glaubt auch darum an die Zukunft des Musiktheaters.

Mit dem Linienbus zur Oper zu fahren, ist für Sophia Marl auch mit 104 noch Standard. Nur bei schlechtem Wetter oder Dunkelheit steigt sie ins Taxi.

 
 

EURE FAVORITEN