Traumwelt des Besseren

Martina Schürmann
„Le Havre“, Kaurismäkis neuestes Werk, in der WAZ-Kritik

Essen. Es gibt wenige Regisseure, die die Welt der kleinen Leute so trist und gleichzeitig so farbig ausmalen können wie Aki Kaurismäki. Die die tiefste Hoffnungslosigkeit und die schönste Utopie so selbstverständlich nebeneinander stellen. Kaurismäki macht Filme, die solche Widersprüche nicht nur aushalten, sondern daraus gemacht sind. Bei ihm können sich sogar afrikanische Flüchtlingsdramen ins Märchenhafte wenden. In „Le Havre“ gerinnen die Nachrichtenbilder verzweifelter Flüchtlinge zu einen Traum von einer besseren Welt.

Diese vermeintlich bessere Welt, sie ist für den kleinen Afrikaner Idrissa zunächst ein Frachtcontainer, der irrtümlich nicht in London, sondern an der französischen Küste angelandet ist. Als der Schuhputzer Marcel Marx (André Wilms) den Jungen entdeckt, entspinnt sich eine Freundschaft, die nicht nur Marcel aus seiner beschaulichen Lebenslethargie reißt. Plötzlich geht eine Woge der Solidarität und Hilfsbereitschaft durch das Quartier, in dem die Gaslaternen noch den nostalgischen Charme eines 30er-Jahre-Films verbreiten.

„Le Havre“ ist dabei trotz seiner knappen Dialoge, seines gemächlichen Schnitttempos und der altmodischen Technicolorfarben so dicht und realistisch wie das Kino Kaurismäkis selten war. Marcel reist in Abschiebegefängnisse und Flüchtlingslager, um Idrissas Verwandte zu finden. So verfängt sich ein wirkliches Problem in dieser unwirklichen Welt, in der Zeit und Menschen stehen geblieben zu sein scheinen. In diesem Vakuum von Zeit und Raum kann Kaurismäki am Ende sogar Sterbenskranke vom Totenbett retten und strenge Kommissare auf Recht und Ordnung pfeifen lassen.