„Toy Story 3“ und die Vertreibung aus dem Paradies

Arnold Hohmann
Szenenbild aus Toy Story. © Walt Disney
Szenenbild aus Toy Story. © Walt Disney

Essen.  Auf die alten Tage in die Kindertagesstätte: Ein Alptraum für die Spielzeughelden von Toy Story 3. Der Trickfilm überrascht mit neuer Thematik, Dramatik und Ernsthaftigkeit. Gelacht werden kann trotzdem.

Hollywood liebt das sichere Geschäft mit den Fortsetzungen von Erfolgsfilmen, auch wenn alles eigentlich schon gesagt ist. Die Ausnahmen sind rar gesät, „Toy Story 3” (in den meisten Kinos gleich auch „3D”), muss man ab sofort dazurechnen. Dieser computeranimierte Trickfilm überrascht in jeder Beziehung durch neue Thematik, neue Dramatik und tatsächlich auch durch eine neue Ernsthaftigkeit. Auf den Punkt gebracht geht es hier um nicht weniger als den Verlust von Heimat in Gestalt des vertrauten Kinderzimmers und das Ringen um ein selbstbestimmtes Leben. Gelacht werden darf trotzdem.

Als das Trickfilm-Studio Pixar 1995 mit „Toy Story” den ersten komplett am Computer kreierten Animationsfilm vorlegte, war das der Beginn des Niedergangs der traditionellen Zeichentrick-Technik. Inzwischen gibt es wieder Beispiele dafür, dass Zeichentrick immer noch sehr lebendig sein kann. Und „Toy Story 3” beweist, dass man Geschichten mit neuen Akzenten durchaus weitererzählen darf. Die Zeit des Abschiednehmens ist für die Toys gekommen: Aus dem kleinen Andy ist ein junger Mann geworden, der an die Uni wechselt und von seiner Mutter gedrängt wird, sich endlich von altem Ballast zu befreien.

Keine Angst vor düsteren Bildern

Das ganze Spielzeug der Kindheit soll aussortiert werden, nur Cowboy Woody will Andy als Begleiter ins neue Heim mitnehmen. All die anderen Figuren, vom Space-Ranger Buzz Lightyear über das Cowgirl Jessie bis zum Tyrannosaurus „Rex”, finden sich plötzlich in einer Kindertagesstätte wieder, wo sie als Spende abgegeben werden. Nicht das schlechteste, glauben sie, denn hier scheint sich der Sinn ihres Daseins zu erfüllen - den ganzen Tag für Kinder da zu sein. Stattdessen wartet ein Alptraum auf sie.

Regisseur Lee Unkirch, der beim ersten „Toy Story”-Film schon der Cutter war, und Autor Michael Arndt (Oscar für „Little Miss Sunshine”) zeigen keine Angst vor düsteren Bildern und noch düstereren Stimmungen. Der nach Erdbeeren duftende Plüschbär Lotso, eine Art Übervater der Tagesstätte, entpuppt sich als wahres Monster, schickt die Andy-Truppe in die Hölle der Kleinkind-Abteilung, wo man nur allzu gerne Figuren in Einzelteile zerlegt. Protest wird von Lotso nicht geduldet, da lässt der Biederbär endgültig die Maske fallen und schwingt sich zu einer Art Gulag-Aufseher auf. Sein Adlatus, die entstellte Puppe Big Baby, schaukelt derweil draußen im fahlen Licht des Mondes. Anleihen bei einschlägigen Horrorfilmen sind in diesen Sequenzen nicht von der Hand zu weisen.

Nicht nur hier muss man das Urteil der FSK, den Film völlig ohne Altersbeschränkung freizugeben, kritisch betrachten. Zumal nun auch noch das große Finale in einer Müllverbrennungsanlage beginnt, wo die Toys einen zähen Kampf ums Überleben beginnen. Sie müssen dem Schredder entgehen und lernen fast zu spät, dass das Licht am Ende des Tunnels tatsächlich das Feuer der Verbrennungsanlage ist.

Der Inhalt drückt die Spezialeffekte einfach an die Wand

Es spricht für die Kunst der Macher, dass sie solch bedrohliche Sequenzen immer wieder mit herrlicher Komik austarieren. Etwa durch die fabelhafte Idee, die defekte Astronautenpuppe Buzz Lightyear neu zu starten, um plötzlich einen Latin Lover mit Hang zum Tango vor sich zu haben. Auch alle anderen vertrauten Charaktere liefern ihre Kabinettstückchen ab, wie Mrs. Potatoehead, die ein Auge verliert, das fortan auch für sich allein sehen kann. Und trotz allem finden sich auch in der Tagesstätte viele neue Freunde. Wie dezent hier etwa beim klassischen Ken mit seiner schier gigantischen Garderobe die schwule Komponente aufscheint, kann man Barbie nur bedauern.

Derart gebannt schaut man diesem Feuerwerk an Ideen zu, dass man schließlich ganz die angepriesene 3D-Technik vergisst. Es ist einer der seltenen Fälle, da der Inhalt eines Films den teuren Spezialeffekt einfach an die Wand drückt.