Tolstoi - Viel Krieg und wenig Frieden bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen

„Krieg und Frieden“ bei den Ruhrfestspielen: das männliche Personal schreit seinen Schmerz heraus. (Foto: Ruhrfestspiele)
„Krieg und Frieden“ bei den Ruhrfestspielen: das männliche Personal schreit seinen Schmerz heraus. (Foto: Ruhrfestspiele)
Sebastian Hartmann, Intendant am Schauspiel Leipzig, ist bekannt dafür, dass er die Vorlagen für seine Inszenierungen nie originalgetreu auf die Bühne bringt. Bei den Ruhrfestspielen kann man jetzt erleben, wie er mit Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ umgegangen ist.

Recklinghausen. Es ist beides wohl eine Frage der Grenzüberschreitung. Vom völkerrechtlichen Standpunkt aus ganz sicher Napoleons Entschluss, aus welchen Gründen auch immer 1812 einen Russlandfeldzug zu beginnen und dabei so kläglich zu scheitern. Aus der künstlerischen Perspektive betrachtet ist es aber wohl auch eine Grenzverletzung, was der Leipziger Theatermacher Sebastian Hartmann jetzt bei den Ruhrfestspielen dem Publikum mit seiner Bearbeitung von Leo Tolstois Monumental-Roman „Krieg und Frieden“ zumutet. Er braucht glatte fünfeinhalb Stunden, um dieses erzählerische Werk, dessen einzigartige Geschlossenheit gerühmt wird, komplett zu pulverisieren, es völlig neu zu obduzieren, um gerade deshalb einen weitgehend aufregenden Abend zu gewinnen.

Vertraute Namen, diverse Darsteller

Man muss nur erst mal begreifen, was hier eigentlich Sache ist. Dass es Hartmann hier nämlich in keiner Weise um die Nacherzählung eines 1500-Seiten-Romans mit rund 240 handelnden Personen geht. Sondern einzig und allein um die klar erkennbaren Themenfelder, die Tolstoi hier bearbeitet, und um die verstreuten geschichtlichen und philosophischen Passagen, von den Lesern zumeist als überflüssige Abschweifung abgetan.

So hört der Tolstoi-Leser zwar vertraute Namen wie Andrej, Pierre, Mascha oder Nikolai, nie aber kann er sicher sein, welcher der 14 Schauspieler des Centraltheater-Ensembles hier gerade wen spielt. Andrej beispielsweise stirbt gleich mehrfach im Verlauf des Stückes und wird dabei einmal auch von Heike Makatsch verkörpert, die sich dafür einen Schnäuzer angepappt hat. Die Film- und Fernseh-Schaupielerin, letztes Jahr schon in Hartmanns Deutung des Films „Paris, Texas“ zugegen, reiht sich harmonisch in die unerschrockene und begeisternde Darstellergarde ein, niemand ist hier mehr als der andere.

Keine Teestunden und Salongespräche

Wer die von Tolstoi so liebevoll beschriebenen Teestunden, Salongespräche oder Bälle des russischen Adels vermisst, der ist hier falsch – Hartmann ist mehr interessiert an Gewalt und Tod. Es geht oft schmutzig zu auf der von ihm selbst (mit Tilo Baumgärtel) entwickelten kahlen Spielfläche einer hydraulisch betriebenen Platte, die zumeist eine derart schräge Ebene sein muss, dass den Akteuren das Gehen schwer wird.

Wir sehen Menschen, die ohne Krieg mit dem Leben nichts anfangen können, die wie Andrej für einen einzigen Moment des Ruhms alles andere gern hingeben würden. Das Schlachtfeld, heißt es, das ist das Leben.

Blut fürs Kind aus der Wunde

Hartmanns Sinnsuche im voluminösen Klassiker fördert gelegentlich Bilder von beeindruckender Intensität hervor. Wenn Andrejs Frau beispielsweise bei der Geburt stirbt, nährt einer der vielen Andrej-Darsteller das Kind mit Blut aus seiner frischen Wunde, worauf aus dem Neugeborenen von jetzt auf gleich ein kleiner Napoleon mit Dreispitz erwächst. Die große Eindringlichkeit dieses Unternehmens Tolstoi stellt sich vor allem in den ruhigen Momenten ein. Wenn der alte General Kutusow etwa aus der Höhe voller Trauer das evakuierte Moskau beschreibt. In solchen Momenten wird einem auch die genau abgestimmte, live gespielte Bühnenmusik der Gruppe Apparat bewusst, wenn Sascha Rind von „zerstörten Heimen“ und „zerstörten Menschen“ singt.

Wagnis an einem Wochentag

Der Abend in Recklinghausen ist wie der Krieg auf der Bühne: Nach jeder der beiden Pausen beklagt man weitere Verluste im Zuschauerraum. Natürlich ist es ein Wagnis, ein derartig gewaltiges und anstrengendes Theaterprojekt für einen Abend zu konzipieren, geschweige denn, es wie in Recklinghausen auf einen Wochentag zu platzieren. Da verlassen selbst die Tapferen am Ende scharenweise das Theater, wenn ein nicht enden wollender Bilderstrom zu stetig anschwellender Musik sich von der Bühne ergießt. Wenn es dann ans Verbeugen geht, ist höchstens noch ein Drittel im Saal, die dann jedoch für stehende Ovationen sorgen. Ein wenig feiern sie damit sicher auch das eigene Durchhalten.

 
 

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