Thomas Mann und die „Königsallee“

Familienbande: Reinhart Firchow, Claudia Hübbecker, Tanja von Oertzen
Familienbande: Reinhart Firchow, Claudia Hübbecker, Tanja von Oertzen
Foto: Sebastian Hoppe
Am Düsseldorfer Schauspielhaus setzt Wolfgang Engel den Thomas-Mann-Roman von Hans Pleschinski in Szene – ein unentschiedener Abend, der Fragen aufwirtft.

Düsseldorf.  Von Düsseldorf würde man eigentlich erwarten, dass es mit Pata-Negra-Schinken nach der Kobe-Rinderhüfte wirft. Aber zur Eröffnung der Saison im Schauspielhaus waren es doch nur Wurst und Speckseite: Die Dramatisierung von Hans Pleschinskis anspielungsprallem Thomas-Mann-Roman „Königsallee“ geriet in der Uraufführung wie ein Sekt aus dem Hause des Schaumweinfabrikanten Engelbert Krull: Großartiges Etikett, aber im Abgang mit einem deutlichen Nachgeschmack von „Fusel“, wie es im „Felix Krull“ heißt.

Pleschinskis Roman über den im „Breidenbacher Hof“ residierenden Thomas Mann, seine familiäre Entourage aus Katia, Erika und Golo Mann und seine Wiederbegegnung mit seiner großen Liebe Klaus Heuser ist zum Bersten voll mit hochkomischen, abgründig grotesken Hotel-Szenen, in denen mehr als einmal die eine Tür auf- und zugeht, während die andere zu- und aufgeht, während Feinsinn und Geist hindurchwehen. Regisseur Wolfgang Engel muss die burleske gefürchtet haben, das gerinnt schon in der Bühne von Olaf Altmann zur Form: übermannshohe schwarze Blöcke, irgendwo zwischen Hochhausklötzen und Holocaust-Mahnmal.

Das ist so weit weg wie nur irgend denkbar von der plüschigen, vergangenheitsbrenzligen Grandhotel-Atmosphäre im Düsseldorf der frühen 50er-Jahre, die Pleschinskis Roman neben vielem anderen auch ein schmerzhaft präzises Sittenbild und Zeitengemälde sein lassen. In Engels pausenloser Zwei-Stunden-„Königsallee“ schlägt sich das lediglich plump in zwei, drei Szenen mit Düsseldorfer Ratsherrn nieder – und in einem Hoteldirektor, der sich wie ein leutseliger Conferencier durch den Abend singt, mit „Bel Ami“, „La Paloma“ und „Wenn bei Capri die rote Sonne...“, aber auch mit Songs von örtlichen Kult-Musikern wie den „Toten Hosen“ und Sounds von „Kraftwerk“ vom Mischpult-Servierwagen, der wie ein moderner Leierkasten in die Szenen gerollt wird. Wenn der grandios singende, schmierende Martin Reik dann auch noch „Die Juden sind an allem schuld“ schmettert, wird aus der Reizüberflutung reine Irrlichterei.

Dabei glänzen die Schauspieler durchweg: Harald Schwaiger macht auch Manns großer Liebe des heißen Sylter Sommers 1927 einen gereiften Lebenmann, aus dem immer noch der liebenswerte Knabe blitzt und funkelt. Reinhart Firchow zeigt Thomas Mann und sein homoerotisches Begehren gefangen in jenen erzbürgerlichen, schon deutlich überlebten Formen, auf die der „Zauberer“ in der Tat nicht von so großen Wert legte. Katia (Tanja von Oertzen) und Erika Mann (Claudia Hübbecker) sind die Manager des Erfolgsprodukts Nobelpreisträger und Literatenkönig. Karin Pfammatter glänzt als beinah pikareske Feuilletonistin, Jakob Schneider wiederum bringt mit einem bis in die Haarspitzen differenzierten Spiel als Golo Mann ein grandios ausbalanciertes, hochkritisches, aber nie denunzierendes Psychogramm auf die Bühne – vielleicht die einzige Leistung des Abends, die den subtilen Seiten der Romanvorlage gerecht wird. Die feinironischen haben sich vor allem in die Kostüme von Zwinki Jeannée geflüchtet, die allesamt einen winzigen Tick überdreht sind, Stoff gewordenes Zwinkern.

Am Ende aber bleibt die große Frage, was Wolfgang Engel bezweckt haben mag - außer möglichst viel Düsseldorf in einem Abend unterzubringen, der sich nicht entscheiden kann, ob er den Seelennöten, -zwänge und -freuden der Homosexualität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den Grund gehen will oder Frage, wie viel Nachkriegszeit denn noch in der Gegenwart steckt.

Anerkennender Beifall.

Info

Wolfgang Engel, der vor sechs Jahren Thomas Manns Riesenroman „Joseph und seine Brüder“ grandios auf die Düsseldorfer Schauspielhausbühne wuchtete, hat in seiner „Königsallee“-Dramatisierung die Bühnenfassung, die Ilja Richter aus Pleschinskis Roman destillierte, entschieden variiert. Deren Uraufführung steht wohl noch aus.

Weitere Termine: 4., 11., 15., 23., 30. September, 6., 8., 10. Oktober. Karten: Tel. 0211 / 36 99 11.

 
 

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