Theaterzirkus und Insider-Talk bei „Sänger ohne Schatten“

Probenfotografie
Probenfotografie
Foto: Jörg Baumann
Boris Nikitins Bühnen-Performance „Sänger ohne Schatten“ gibt Einblicke in den Opern-Alltag. Die Uraufführung bei der Ruhrtriennale in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

Gladbeck.  Ein kurioses Terzett prominenter Opernsänger hat da der Schweizer Theatermacher Boris Nikitin für die Uraufführung seiner Bühnen-Performance „Sänger ohne Schatten“ in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel aufgeboten. In einer eigens erstellten Blackbox, die sich nur ein einziges Mal für kurze Zeit öffnet und den Blick auf die bizarre Turbinenlandschaft der Maschinenhalle zulässt, entspinnt sich ein unterhaltsamer Plausch zum Wesen der Stimme, über Befindlichkeiten und Lieblingsrollen mit teils anrührenden, teils anekdotenhaft kecken biografischen Einblicken, Clownerien und zum Glück auch viel schöner Musik aus dem Bestseller-Katalog der Oper.

Dabei sind der 50-jährige Tenor Christoph Homberger, der seine Karriere aufgeben will, der knapp 40-jährige Countertenor Yosemeh Adjei, der am Beginn einer großen Karriere steht und die etwa 70-jährige ehemalige Primadonna der Deutschen Oper Berlin, Karan Armstrong, die ihre Karriere hinter sich hat und aufgrund eines schmerzhaften Bandscheibenvorfalls den Premieren-Abend im Rollstuhl verbringen musste. Eine lockere Melange aus ein wenig Volkshochschule, einer Prise Insider-Talk, ein bisschen Theaterzirkus und etwas Oper. Wie sich die Künstlichkeit des Theaters auf die Persönlichkeit der Sänger auswirkt, bleibt ebenso lose angedeutet wie kritische Anmerkungen zum Theateralltag. Am weitesten wagt sich da noch Christoph Homberger vor, wenn er zur hochglanzpolierten Arie des Sängers aus dem „Rosenkavalier“ mit miserablen Tischmanieren einen Teller Spaghetti verspeist. Mit Folgen, die beim Publikum verlegene Lacher oder unterdrückte Brechreize auslösen. Mit vollem Munde singt man halt nicht.

Von ihrer Beschaffenheit her taugen die drei Stimmen nicht zu einem ausgewogenen Vokalterzett. Umso befremdlicher und bizarrer der Reiz, wenn sie sich zu einem Potpourri aus Schmankerln von Bach bis zum „Wozzeck“ vereinigen. Und Schuberts „Doppelgänger“ im Duo von Christoph Homberger und Yosemeh Adjei erzielt eine solche Ein- und Ausdruckskraft, dass danach das Licht ausgehen müsste. Für den Schlusspunkt sorgt allerdings noch Karan Armstrong mit dem altersreifen Monolog der „Marschallin“, der aus dem Mund der stimmlich noch immer achtbaren, im Rollstuhl sitzenden Ex-Primadonna eine zusätzlich bewegende Note erhält.

Die architektonische Besonderheit der Maschinensäle wird leider kaum genutzt. Lediglich zu Szymanowskis „Liedern eines verliebten Muezzin“ heben sich die schwarzen Bretter der Blackbox für kurze Zeit und die Sänger nutzen die einmalige Kulisse und die Größe der Halle, um von verschiedenen Standorten den Klangeindruck zu variieren. Eine Chance, von der Nikitin leider zu selten Gebrauch macht.

Mit von der Partie ist der Pianist Stefan Wirth, der die Sänger wunderbar unterstützt und mit einer sich mächtig steigernden Wiederholung des Keikobad-Motivs aus Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ die Rolle des Sängers als Überwinder der orchestralen Übermacht deutlich macht.

Die Strauss-Oper gab auch Anstoß zu dem Titel des Abends, „Sänger ohne Schatten“, anspielend auf das Schattenmotiv als Symbol der Fruchtbarkeit, aber auch des Untoten, wie wir es aus dem Vampirismus kennen. Die Doppelrolle des Sängers als Kunstfigur und als Mensch aus Fleisch und Blut, die Wechselwirkung der beiden Bereiche sollen in zwei Teilen demonstriert werden. „Die Auferstehung eines Toten“ und „Doppelgänger“, eher assoziativ als zwingend aufgehängt an der Florestan-Arie und dem Schubert-Lied. Letztlich Ansprüche, die das kuriose Sammelsurium dieses unterhaltsamen Opern-Plauschs nicht leisten kann.

Das Publikum hatte seinen Spaß und applaudierte herzlich.

Die nächsten Aufführungen in der Maschinenhalle Zweckel Gladbeck: am 28., 29. und 30. August sowie am 5., 6. und 7. September. Informationen: www.ruhrtriennale.de

 
 

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