Theater Dortmund trifft mit voller Wucht

Die stärkste Szene "Der Meister und Margarita": Caroline Hanke als Jesus blutend am Kreuz.
Die stärkste Szene "Der Meister und Margarita": Caroline Hanke als Jesus blutend am Kreuz.
Foto: Franz Luthe

Dortmund.. Es ist eins der gewichtigsten Projekte des Dortmunder Theaterchefs Kay Voges: „Der Meister und Margarita“ nach dem Roman von Michail Bulkagow. Hier sind alle versammelt, die die letzten Fragen des Lebens und des Glaubens auszuleuchten sich anschicken. Gretchen, Margarita und der Meister zum einen, der Teufel und seine Gehilfen zum anderen. Jesus, Pontius Pilatus, und auch Gott mischt kräftig mit, wenngleich er nicht persönlich auf der Bühne erscheint. Dortmund zeigt ein sehr eigenwilliges Bulgakow-Destillat, das geradezu danach schreit, an seiner Anmaßung zu scheitern. Doch wunderbarerweise passiert das nicht.

Das Publikum erlebt furiose Theater-Action, die manchmal eher Show als Schauspiel ist und die Paul Wallfischs Musik, obwohl laut, souverän strukturiert. Der Jubel am Schluss war früh absehbar.

Eine Geschichte in der Geschichte

Eine Handlung wiederzugeben, ist fast unmöglich. Schon Bulgakows Roman bewegt sich auf mindestens drei Ebenen: Die faustische stellt letzte Gut-und-Böse-Fragen und einen Gutteil des Bühnenpersonals. Die naturalistisch-satirische blickt auf das stalinistische Rußland zur Entstehungszeit des Romans. Als Geschichte in der Geschichte wird der Leidensweg Christi aus der Perspektive des Pilatus erzählt. Diese Passion wiederum ist Teil des Romans, den der Meister schreibt und für den er in die Irrenanstalt kommt. Verklammert wird das alles irgendwie durch die Gegenwart des Teufels (Sebastian Kuschmann) und Fragen nach dem rechten Glauben. Die Dortmunder Inszenierung gibt der Liebe zwischen Meister und Margarita breiten Raum, die göttlich und deshalb stärker als alle Welt-, und Religionsmechanik ist.

Daniel Roskamp (Bühne) hat einen großen Kubus aus Metallstreben gebaut, den als Leuchtreklamen die Leitthemen „Gott“, „Love“, „Zweifel“ und „Money“ zieren, der nach Bedarf auf der Drehbühne rotiert. Mal entstehen in, vor und auf ihm Spielräume, mal sind die Räume von Leinwänden verhängt, die Platz für Bildprojektionen bieten.

Voges huldigt intensiv dem Spiel mit der Kamera, die die Szenen hinter der Bühne filmt und kinogleich auf die Leinwände wirft Eigentlich hat man sich so etwas schon lange leidgesehen, aber hier in Dortmund erfährt das Live-Abfilmen wiederholt enorme Intensivierungen durch Einspielfilme (das Theater hat seinen eigenen Kameramann: Daniel Hengst), durch Musik und Bewegung. Als allerstärkste Szene bleibt jene in Erinnerung, in der Caroline Hanke als Jeschua (Jesus) blutend und schreiend an einem Kreuz vor der rotierenden Leinwand hängt, auf die ein Video in enger Folge abgefilmte künstlerische Darstellungen des Gekreuzigten wirft und zu der Wallfisch und seine Musiker einen sehr beunruhigenden, treibenden Klangteppich auslegen. Theater wird hier zur multimedialen Performance, zu einer Klang-Licht-Raum-Skulptur, und Verstehen heißt hier erkennbar nicht länger nur, die Dinge in ihren Zusammenhängen zu begreifen, sondern vor allem, sie in ihrer existentiellen Wucht zu spüren. Mehr als in jeder anderen Produktion der Dortmunder Ära Voges wird hier Leidenschaft erkennbar, Begeisterung, Getriebenheit, Obsession. Das ist begeisterndes Theater.

Paul Wallfisch hat zu alldem Musik verfasst, balladeske, manchmal meditative Stücke, die guter, ehrlicher Rock sind und zeitlos wirken. In ihrer Poesie sind sie näher bei den Doors als bei Frank Zappa, aber ein bisschen doch mit beiden verwandt. Schade, daß die ausführlichen, vorwiegend englischen Texte nicht im Programmheft abgedruckt sind.

Gepriesen schließlich der große Sprechchor

Nicht jedes Ensemble eignete sich für eine so präsente, körperbetonte, schnelle Inszenierung wie diese, das Dortmunder aber schon. Luise Heyer als Margarita und Caroline Hanke als Gretchen hinterlassen starke Eindrücke, ebenso sind die artistischen Fähigkeiten von Evea Verena Müller beeindruckend. Der Meister wurde mit Uwe Rohbeck und Andreas Beck gleich zweimal besetzt, mal eher jung und ideenreich, mal dicklich und gescheitert – eine lustige Idee. Gepriesen schließlich sei der 90-köpfige Dortmunder Sprechchor, der auf der Bühne und im Zuschauerraum auftrat und einigen Szenen erhebliches Gewicht verlieh.

 
 

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