„The Ides of March“ - George Clooney for President!

Szenen aus einem Land der Enttäuschten: Als charismatischer Gouverneur überzeugt George Clooney in dem Polit-Thriller „The Ides of March“. Auch die Schauspieler an seiner Seite überzeugen. Doch die Handlung des Films lässt uns an den USA als dem Ziel aller Träume gewaltig zweifeln.

Essen. Amerika, du hast es manchmal doch noch besser, möchte man das alte Goethe-Wort bemühen, wenn man in diesen Wochen im Kino gleich mehrfach auf einen ebenso präsenten wie präsidialen George Clooney trifft. Amerika mag zwar Politiker haben, die von Affären mehr verstehen als von Außenpolitik. Aber es hat auch dieses charismatische Korrektiv, mit politischem Kopf und dem Herz auf dem linken Fleck.

Einen Mann, dessen nespressofarbene Augen immer noch wie gemacht sind für die bunten Seiten der Medienwelt. Aber neben der Wahl seiner wechselnden Frauen und Villen interessiert inzwischen doch viel mehr die Frage, mit welchem politischen Thema Clooney gerade den Stachel löckt. Geht es um die Machenschafen der Öl-Industrie („Syriana“) oder um Pressefreiheit und Bespitzelung in der McCarthy-Ära („Good Night, and Good Luck“)?

Clooney spielt den charismatischen Gouverneur Mike Morris

Aufs politische Parkett begibt sich Clooney auch in seinem neuen Film „The Ides of March“ (Tage des Verrats), seiner vierten Regie-Arbeit, dessen Titel an die Ermordung von Julius Cäsar durch Brutus & Co erinnert. Aber Clooney spielt keinen Tyrannen, sondern den charismatischen Gouverneur Mike Morris. Am Anfang ist Morris jene liberale Lichtgestalt, wie sie sich die Demokraten im US-Vorwahlkampf nicht schöner träumen könnten: Charmant und eloquent, idealistisch und integer, gegen die Todesstrafe, für Elektroautos. Und von politischen Kungeleien scheinbar so weit entfernt wie von einem Seitensprung.

Dass der Mann mit den glänzenden Chancen auf den Einzug ins Weiße Haus gleichwohl eine gewisse Vorliebe für Praktikantinnen hegt, ist nur eine Anleihe an einstige Amtsträger. Wer will, kann pausenlos Parallelen zu den aktuellen Verwerfungen in Washington ziehen. Aber der Film zeigt vielmehr Prototypen des Politbetriebs und dringt tief ein ins Räderwerk der Macht mit ihren PR-Profis und Spin-Doktoren.

Clooney zeigt einen angenehm-altmodischen, optisch allerdings eher spröden Polit-Thriller

Mit gefeilten Dialogen und einem All-Star-Ensemble von Paul Giamatti und Philip Seymour Hoffman als abgebrühte Kampagnenchefs bis zu Marisa Tomei als „Times“-Reporterin entwickelt Clooney diesen angenehm-altmodischen, optisch allerdings eher spröden Polit-Thrillers um Macht und Moral, um Überzeugung und Manipulation. Sein faszinierendes Gesicht bekommt der Film aber vor allem durch Ryan Gosling als erfolgshungriger Polit-Berater Stephen Meyers. der zwischen der Liebe zu Praktikantin Molly (Evan Rachel Wood) und der Loyalität zum Chef in Gewissensnöte gerät.

Gosling, den man derzeit als das wohl markanteste Chamäleon von Hollywood feiern darf, balanciert diesen jungen Karrieristen souverän auf dem schmalen Grat zwischen persönlicher Bewunderung und politischer Ernüchterung, zwischen naiver Euphorie und falschem Ehrgeiz. Und je tiefer Meyers eindringt in diese Welt der Prognosen und Umfragwerte, der PR-Intrigen und Hinterzimmer-Deals, kann man seinem Gesicht ablesen, wie sich Idealismus in Zynismus verwandelt, wie aus Überzeugung politisches Kalkül wird. Es gibt keine Heilsbringer, es gibt nur gute und weniger gute Lügner, so die wenig überraschende Botschaft.

Das Leben im Land der Enttäuschten

Nun ist ein Film über die Fehlbarkeit politischer Amtsträger eigentlich zeitlos, wie man auch in Deutschland gerade wieder sehen kann. Und doch hatte Clooney den Film nach einen Theaterstück von Beau Willimon verschoben: Das Drehbuch war 2008 fertig. als Barack Obama die Wahlen gewann und Clooney einen zynischen Politikerfilm angesichts des Optimismus im Lande für deplatziert hielt.

Ein Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen sieht Clooney die Zeit nun gekommen. Und man kann nicht behaupten, dass das Werk des erklärten Obama-Sympathisanten ein Wahlkampf-Geschenk ist. Es ist ein sezierender Blick ins dunkle Herz Amerikas, eine illusionslose Bilanz aus einem Land der Enttäuschten.

 
 

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