„Tatort Internet“ - Beschuldigte identifizierbar?

„Tatort Internet“: Potenzielle Kinderschänder werden vor laufender Kamera bloßgestellt. Foto: Imago
„Tatort Internet“: Potenzielle Kinderschänder werden vor laufender Kamera bloßgestellt. Foto: Imago

Essen. Das neue RTL-2-Format zu Sexualtätern im Netz mit Stephanie zu Guttenberg wird offenbar zum rechtlichen Problemfall. Das Blog „netzpolitik.org“ berichtet, dass zwei der Beschuldigten identifizierbar seien.

Die umstrittene Sendereihe „Tatort Internet - schützt endlich unsere Kinder“ auf RTL2 wird zum medienrechtlichen Problemfall. Das Internetblog „netzpolitik.org“ berichtet, dass zwei Männer aus Süddeutschland, die als Pädophile belastet werden, offenbar wegen der detaillierten Beschreibungen in der Wirklichkeit identifizierbar seien. „Das ist, zusammen mit den veröffentlichten Täterprofilen bei Bild und Eingaben bei Google in zwei Mausklicks zu schaffen“, sagte Autor Jörg-Olaf Schäfers auf Nachfrage. „Eigentlich war es abzusehen. Die ausführlichen Beschreibungen der “Täter” und ihrer Lebensumstände (...) mussten früher oder später zum Outing eines der Beschuldigten im “Reallife” führen“, schreibt Schäfers in seinem Blog.

Fachanwälte hatten bereits im Vorfeld auf die Verletzung von Persönlichkeitsrechten hingewiesen. Auch Stimmaufnahmen seien nicht erlaubt, selbst wenn die Stimme verfremdet werde. Bei „Tatort Internet“ werden vermeintlich Pädophile zu fingierten Treffen mit Teenagern gelockt, um sie dort vorzuführen.

Kritik am Format

Deutliche Kritik an dem neuen Format kam bereits vor Ausstrahlung der ersten Sendung von den Grünen. „’Tatort Internet’ schafft offenbar einen neuzeitlichen Pranger, um potenzielle Kinderschänder bloßzustellen. Die Verfolgung von Straftätern ist aber in einer modernen Gesellschaft Aufgabe der Strafbehörden“, betonten die medienpolitische Sprecherin, Tabea Rößner, und der rechtspolitische Sprecher, Jerzy Montag.

Stephanie zu Guttenberg sagte, sämtliche in der Sendereihe aufgedeckte Fälle würden den Behörden übergeben. Sie sei „immer wieder schockiert, wie schnell und gezielt sich die Täter an die Kinder ranmachen“, betonte die 33-Jährige, die auch Präsidentin von „Innocence in Danger“ in Deutschland ist - einem Verein gegen Kindesmissbrauch. Viele Eltern könnten sich gar nicht vorstellen, was in diesen Chatrooms vor sich gehe. „Unsere Kinder und Jugendlichen sitzen da regelrecht auf dem Präsentierteller für potenzielle Täter, bekommen von erwachsenen Männern Sexfotos, Pornofilme zugeschickt.“

Die Grünen-Politiker Rößner und Montag betonten, es sei „keinem Kind geholfen, wenn versucht wird, die Quote mit Kinderleid zu steigern“. Die Behauptung, der Versuch eines sexuellen Missbrauchs von Kindern sei „nicht strafbar“, nannten sie „eine bewusste Falschinformation“. Es mangele in erster Linie nicht an Gesetzen, sondern an der Umsetzung.

Sender spricht von „gesellschaftlich relevantem Format“

RTL2 hob hervor, es handle sich bei „Tatort Internet“ um ein „gesellschaftlich relevantes Format“, das aufrüttle und schockiere. Die mutmaßlichen Täter sind nach Angaben einer Sprecherin unkenntlich gemacht. Der Privatsender hatte im August angekündigt, dass er an seinem Qualitätsmanagement arbeite. Er war wegen seiner Trash-Formate und Dokusoaps in die Kritik geraten.

(Mit Material von dapd)