„Tartuffe“ in Bochum zeigt 100 Minuten pralle Komödie

Sven Westernströer
Kristina Peters (Mariane) und Roland Riebeling (Valère) in Bochums „Tartuffe“.
Kristina Peters (Mariane) und Roland Riebeling (Valère) in Bochums „Tartuffe“.
Foto: Diana Küster
Prächtige Kostümen, wohlgesponnene Intrigen und hinreißende Darsteller: Bochums neue „Tartuffe“-Inszenierung hatte Samstag Premiere.

Bochum. Wenn das kein Hingucker ist: „Ehre“ und „Treue“ steht in meterhohen Lettern an den Seiten der Bühne – doch dazwischen geht es alles andere als wohltemperiert zu. Hermann Schmidt-Rahmer zeigt Molières „Tartuffe“ am Bochumer Schauspielhaus als bitterböse Farce – mit einem grandiosen Jürgen Hartmann in der Titelrolle.

An den NRW-Bühnen festigte Schmidt-Rahmer in den letzten Jahren seinen Ruf als Mann für experimentierfreudiges Polittheater. Wie er aus Balzacs „Gespenster des Kapitals“ ein gegenwärtiges Drama über die Finanzwelt formte, war gewagt, aber gelungen.

Auch der „Tartuffe“ wäre dazu geeignet, die Heuchler und Schleimer unserer Zeit gehörig vorzuführen, weil vieles von dem, was im heutigen Politzirkus zum kruden Alltag gehört, in Molières 330 Jahre altem Text bereits angelegt ist.

Eng an der Vorlage

Doch diesmal geht der Regisseur behutsamer ans Werk, hält sich eng an die Vorlage. Ein Schattenbild des AfD-Politikers Björn Höcke (Bühne: Thilo Reuther) ist der einzige Hinweis darauf, dass Schmidt-Rahmer seine Aufführung gern für Politiker-Bashing nutzen würde.

Ansonsten darf sich der Zuschauer freuen: über 100 Minuten Molière de luxe mit prächtigen Kostümen, wohlgesponnenen In-trigen und hinreißenden Darstellern. Allen voran: Jürgen Hartmann. Sein Tartuffe (mit Glasauge!) ist der größte Schmierlapp, den das Schauspielhaus seit langem gesehen hat. Wie er sich windet, kriecht und zischt: Das allein lohnt den Besuch der Vorstellung.

Doch das legendäre Lustspiel um den frömmelnden Erbschleicher, dem es gelingt, sich mit Leichtigkeit im Haus des wohlhabenden Orgon einzuschleichen, verfügt über eine Vielzahl satt gezeichneter Figuren. Etwa Orgon selber, dem der wunderbare Michael Schütz etwas süffig Blödes gibt. Er verfällt dem Mann, der ihm Frau, Tochter und Besitz abluchsen will, mit Hingabe.

Zofe als Fels des Anstands

Dagegen wächst Widerstand vor allem in Gestalt der Zofe Dorine: Xenia Snagowski spielt sie kämpferisch als einziger Fels des Anstands. Auch Kristina Peters (Mariane) und Roland Riebeling (Valère) wirbeln gut gelaunt über die Bühne.

Die berühmte Verführungsszene, bei der Tartuffe Orgons Gattin Elmire (Raphaela Möst) an die Wäsche will, zeigt der Regisseur als erotisch aufgeladenes Spiel am Cembalo. Der beherzte Griff unters Kleid kommt Elmire gar nicht ungelegen. Ob es Liebesnacht oder Vergewaltigung ist? „No means yes“, sagt sie mit Hinblick auf die aktuelle Debatte über das Sexualstrafrecht. Eine der wenigen aktuellen Bezüge, die Schmidt-Rahmer seiner sehenswerten, handwerklich soliden Aufführung erlaubt.