Tanz ums Metropolen-Kalb - auch im Ruhrgebiet

Jens Dirksen
Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool
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Ruhrgebiet. Metropolen, das waren „Mutterstädte“. Heute sind es Millionenstädte, Marketing-Argumente und Magneten für Reichtum und Macht. Die selbsternannte Metropolregion Ruhrgebiet hat davon vieles - aber vieles auch nicht.

Im Jahr 2007 lebten weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land, Tendenz steigend. Damit hat sich die Konkurrenz zwischen den Städten weiter verschärft. Sie wird zu­nehmend mit den Mitteln der Stadtwerbung ausgetragen, und das umso lauter, je schwerer es die Städte haben, den Ansprüchen von Bürgern im Alltag gerecht zu werden.

So greift das Stadtmarketing immer mutwilliger zum Begriff der Metropole, weil er nach innen ein Lebensgefühl suggeriert und nach außen Selbstvertrauen demonstriert.

Metropolen, das waren „Mutterstädte“, wie die Übersetzung der griechischen Wortwurzel lautet: Städte, die andernorts Ableger gebildet haben, Kolonien und Provinzen, um sie zu beherrschen und auszusaugen.

Heute sind Metropolen Millionenstädte. Die steigende Einwohnerzahl bei wachsendem Bruttosozialprodukt gehört zum Kern des Metro­polendaseins. Aber die Einwohnerzahl ist nicht alles. Vielmehr ballt sich hier politische und wirtschaftliche Macht. Und die kulturelle Avantgarde brütet Trends von morgen aus.

Bei alledem macht das Zentrale den Unterschied: In Metropolen laufen Fäden zusammen und sie werden zu Magneten. So gelang es Metropolen wie Rom, Paris, Moskau und Berlin, ihren Reichtum zu steigern, obwohl man selbst nichts produziert außer Machtstrukturen.

Ständige Zufuhr von Neuem und Fremden

Das wiederum erhöht Quantität wie Qualität von Lebens- und Handlungsmöglichkeiten. Deshalb sind Metropolen Magneten, Projektionsflächen für Hoffnungen. Sie leben auch von Einwanderung und Verschiedenheit. Die ständige Zufuhr von Neuem und Fremden macht sie geschult in der Integration, in der Umarmung des Fremden zum Zwecke der eigenen Bereicherung. Mitunter macht es sie auch zum Krisenherd.

Die schiere Menge der Einwohner einer Metropole, die hohe Zahl von Menschen pro Quadratmeter, schlägt in eine neue Qualität städtischer Strukturen um: Wo die Hauptschlagadern des Verkehrssechs-, acht-, zehnspurig sein müssen und der Individualverkehr trotzdem zusammenbrechen würde, wenn es nicht ein ausgeprägtes U-Bahn-, S-Bahn- und Busnetz gäbe.

Dieser Quantensprung an Urbanität spiegelt sich in einer Architektur, die sich in Dimensionen und Proportionen geradezu körperlich spürbar von dem unterscheidet, was die Metropole umgibt. Dabei geht es nicht nur um Skylines von Hochhäusern, Arenen, U-Bahnen und Flughäfen, sondern auch um ihre Bauart, die Machtbewusstsein ausdrückt.

Von alledem hat die selbsternannte Metropolregion Ruhrgebiet etwas, aber vieles auch nicht: Es hat fünf Millionen Einwohner, aber es werden immer weniger. Selbst in Kerngebieten liegt die Siedlungsdichte bei gerade einmal 2100 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das hat auch Vorzüge. Nicht von ungefähr ist es, wie Auswärtige so gern staunen, „aber“ schön grün hier: Es ist noch Platz für Pflanzen.

Im Revier ist fast nichts zentral, es besteht aus geballter Peripherie. Dass es rasend schnell aus Dörfern zusammengewachsen ist, bleibt bis heute spürbar.

Maß des Menschlichen

Das Ruhrgebiet, in dem ein Jahrhundert lang Milliardenwerte geschöpft und produziert wurden, ist heute nur noch reich an Tradition, Subventionen und Schulden. Und es gibt kein zusammenhängendes Nahverkehrsnetz, das diesen Namen verdient hätte, schon gar nicht nach zehn Uhr abends. Es gibt keinen internationalen Flughafen – es sei denn, man könnte Düsseldorf und Köln eingemeinden. Mit den Rheinmetropolen bekäme die Region auch das hinzu, was sie am wenigsten hat: Machtzentren.

Aber vielleicht liegt der eigentliche Charme des Ruhrgebiets da, wo es gerade keine Metropole ist, sondern sich einen gewissen Kleinstadt-Charme erhalten hat. Wo es sich das Maß des Menschlichen erhalten hat, anstatt – in alten Verhaltensmustern befangen - nach dem Riesenhaften, ja Gigantischen zu streben.