Surreales Dortmunder Aufklärungs-Stück taugt zum Kult

Leon Müller (l.) und Ekkehard Freye im "Wigwam".
Leon Müller (l.) und Ekkehard Freye im "Wigwam".
Foto: Birgit Hupfeld
Das Theater Dortmund bringt mit Vergnügen katholische Aufklärungsliteratur auf die Bühne. Der Filmemacher Wenzel Storch ist mit "Komm in meinen Wigwam" eine Inszenierung gelungen, die das Zeug zum Dauerbrenner hat.

Dortmund.. Kenner nennen ihn den „Oswalt Kolle der katholischen Sexuallehre“. Der Päpstliche Ehrenprälat Berthold Lutz, 2013 verstorben, verfasste seit Anfang der 50er-Jahre katholische Aufklärungs- und Anstandsbücher. In zwei Jahrzehnten entstand daraus ein umfangreiches Werk von Sittlichkeit fördernder Prosa, verpackt in kurzweilige Handlungen. Da die Kritik davon bis heute keine Notiz genommen hat, schließt Wenzel Storchs als „bunter Abend“ deklariertes Stück „Komm in meinen Wigwam“ am Theater Dortmund eine große Lücke.

Storch (53) galt bisher mit seinen Kinofilmen „Sommer der Liebe“ und „Die Reise ins Glück“, so anarchisch wie surrealistisch, als Einzelgänger im Kulturbetrieb. Seine erste Bühnenarbeit aber zeigt ihn nun als hartnäckigen Forscher in Bereichen, über die selbst die Kirche gern den Mantel des Schweigens breitet, und als trefflichen Arrangeur des gefundenen Materials. Sein Alter ego auf der Bühne ist Thorsten Bihegue als fahriger Privatgelehrter Baldrian, der stolz Fundstücke wie „Peter legt die Latte höher“ präsentiert und mit heiligem Ernst die frivolsten Vergleiche des Autors Lutz rezitiert. Wenn er seine jungen Leser etwa in einen knospenden Garten führt, „voll von frischgrünen Stängeln und nickenden Kelchen“. Kein Wunder also, wenn Baldrian seinen Lutz als „größten Sexualmystiker deutscher Zunge“ bezeichnet.

Erotisch aufgeladene Vergleiche

Wie schon in seinen Filmen arbeitet Storch auch im Dortmunder Studio fast nur mit Laien. Gerade mal den Schauspieler Ekkehard Freye lässt er als Moderator gelten, ansonsten bedient er sich beim Sprechchor des Theaters und den jungen „Theaterpartisanen“, die ungemein präzise im Räderwerk des Abends funktionieren. Pia Maria Mackert liefert dazu knallbunte Blumenstängel-Kostüme und eine Bühne wie einen typischen Gemeindesaal. Dort lernen wir die Triebkräfte des Lebens kennen, oder was die katholische Kirche darunter versteht. Vor allem sind das erotisch aufgeladene Vergleiche wie jener von der winzigen Eichel, deren Kräfte „den gewaltigen Baum hochwachsen lassen“.

Am Ende des höchst vergnüglichen Abends hat man das Gefühl, einem Dampfkochtopf unter steigendem Druck beigewohnt zu haben. Begeisterter Applaus für einen Abend, der das Zeug zum kultigen Langläufer hat.

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