Studenten organisierten Bücherverbrennung im Dritten Reich

In Essen brannten zweimal Bücher: am 19. Mai 1933  und dann am 21. Juni auf dem heutigen Gerlingplatz.
In Essen brannten zweimal Bücher: am 19. Mai 1933 und dann am 21. Juni auf dem heutigen Gerlingplatz.
Foto: NRZ
Vor 80 Jahren, im Frühjahr 1933 wurden in Deutschland Bücher verbrannt, auch im Ruhrgebiet. Organisiert haben es nicht die Nazis, sondern Studentenverbände.

Duisburg.. Unsere Wahrnehmung und unser Gedächtnis werden geprägt von ausdrucksstarken Bildern. Das ist nicht erst in der von Fernsehen und Internet dominierten Gegenwart der Fall. Bereits die Nationalsozialisten machten sich diese spezifische Form menschlicher Erinnerung zunutze. Als am Abend des 10. Mai 1933 auf dem Kaiser-Franz-Joseph-Platz in Berlin, der heute den Namen von August Bebel trägt, neben der Staatsoper Unter den Linden und der Alten Bibliothek der Universität rund 20 000 Bücher in Flammen aufgingen, konnten die Menschen reichsweit über den Rundfunk und wenige Tage später auch in den Wochenschauen der Kinos an diesem Spektakel teilhaben. Der Germanist Joseph Goebbels ließ seine Feuerrede aus Berlin live über den Deutschlandsender verbreiten. Dadurch entstand der Eindruck, der neue Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sei der entscheidende Organisator der Bücherverbrennungen gewesen. Tatsächlich war die „Aktion wider den undeutschen Geist“ jedoch von der Deutschen Studentenschaft organisiert worden.

Von Anfang an geplant war die öffentliche Verbrennung „jüdischen zersetzenden Schrifttums durch die Studentenschaften der Hochschulen aus Anlass der schamlosen Hetze des Weltjudentums gegen Deutschland“, wie es in einem Rundschreiben aus Würzburg vom 8. April zu lesen ist. Der Dachverband der deutschen Studentenschaften, die bereits am Ende der Weimarer Republik mehrheitlich von Nationalsozialisten beherrscht wurden, begriff sich als eine Art „geistige SA“, die sich vom Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte am 1. April inspiriert fühlte und an die Spitze der kulturellen Erneuerungsbewegung treten wollte. In der Folge wurden öffentliche Bibliotheken, private Buchhandlungen und Leihbüchereien, die Bibliotheken der KPD, der SPD und der Gewerkschaften „gesäubert“ – nicht mehr nur von den Schriften „jüdischer“, sondern von nahezu allen demokratischen, avantgardistischen, pazifistischen und internationalen Autoren. Insgesamt 134 Namen sind in den „Schwarzen Listen“ erfasst, die der Berliner Bibliothekar Wolfgang Herrmann der Deutschen Studentenschaft Ende April zur Verfügung stellte. In Münster wurden die indizierten Bücher aufgespießt an „Schandpfählen“ zur Schau gestellt und in Frankfurt am Main wurden sie auf Viehwagen zum Verbrennungsplatz gebracht.

Die Bücherverbrennungen fanden am 10. Mai in 20 Hochschulstädten des Deutschen Reiches statt. Doch dabei blieb es nicht. Die Potsdamer Historiker Julius H. Schoeps und Werner Treß können in ihrem Sammelband „Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933“ (Georg Olms Verlag 2008) insgesamt 93 Verbrennungsaktionen nachweisen. Auch das Ruhrgebiet folgte, obwohl es damals noch über keine Universität verfügte, dem Vorbild der Deutschen Studentenschaft. In Bochum war es bereits vom 10. bis zum 12. März zu spontanen Verbrennungen von rund 1000 beschlagnahmten Büchern, Broschüren und Zeitschriften des Bergarbeiterverbandes, der freien Gewerkschaften sowie sozialdemokratischer Buchhandlungen und Zeitungen durch die SA gekommen. Das große Spektakel der öffentlichen Bücherverbrennung war am 9. Juni auf dem Kaiser-Friedrich-Platz zu sehen – angeführt von der Bochumer Hitlerjugend und unterstützt von Jugendwerkstätten, Lehrlingen aus Bochumer Fabriken und Bergwerken, Schulen und vom Freiwilligen Arbeitsdienst. Für Dortmund übernahmen SA, SS, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und der Nationalsozialistische Lehrerbund die Organisation. Die beschlagnahmten Bücher gingen am 30. Mai auf dem Hansaplatz in Flammen auf. Bereits am 19. Mai hatten die Schüler und Lehrer des Helmholtz-Realgymnasiums in Essen Bücher von Ernst Toller, Ludwig Renn, Thomas Mann, Carl Zuckmayer und anderen Repräsentanten der Literatur der Weimarer Republik auf dem Schulhof verbrannt. Doch Richard Euringer, der NS-Barde und Nachfolger von Eugen Sulz als Direktor der angesehenen Essener Stadtbibliothek, wollte Größeres inszenieren. So brannte am Abend des 21. Juni auf dem Gerlingplatz, dem bisherigen Versammlungsplatz der Essener Arbeiterbewegung, ein Teil der 18 000 Bücher, die Euringer nach seiner Amtseinführung am 10. Mai aus dem Bestand der Stadtbibliothek ausgesondert hatte. Rund 12 000 magazinierte Bücher, die der fanatische Bibliotheksdirektor noch im Juni 1935 auslöschen wollte, konnten nur dank der Intervention des Essener Oberbürgermeisters Theodor Reismann-Grone vor der Verbrennung bewahrt werden.

Duisburgs Büchereidirektor war in der NSDAP

Dass es in Duisburg offenbar zu keinen Bücherverbrennungen gekommen ist, dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass der seit 1916 amtierende Büchereidirektor Viktor Sallentien bereits 1932 der NSDAP beigetreten war und eine „Säuberung“ der Bestände im Geiste des NS-Staates damit überflüssig wurde.

Hinter all diesen öffentlichen Inszenierungen verborgen liegt allerdings eine unbeachtete historische Wahrheit. Es waren keineswegs nur fanatische Nationalsozialisten, die 1933 den Geist Weimars und seiner kulturellen Elite verbrannten. Die akademische Jugend der deutschen Hochschulen, zahlreiche Professoren, Lehrer und Journalisten agierten als Repräsentanten eines nationalkonservativen Bildungsbürgertums, das sich von nun an bedingungslos in den Dienst des NS-Staates stellte. So hatte der Börsenverein der Deutschen Buchhändler bereits am 12. April ein „Sofortprogramm für den deutschen Buchhandel“ verabschiedet, in dem neun wirtschaftliche Forderungen an die „Regierung der nationalen Erhebung“ mit einem bemerkenswerten Zugeständnis verbunden wurden: „In der Judenfrage vertraut sich der Vorstand der Führung der Reichsregierung an. Ihre Anordnungen wird er für seinen Einflussbereich ohne Vorbehalt durchführen.“ Am 13. Mai veröffentlichte das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel auf seiner Titelseite eine Liste mit zwölf prominenten Schriftstellern (unter ihnen Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky), „die für das deutsche Ansehen als schädigend zu erachten sind.“ Der Vorstand unter Führung des Verlegers Friedrich Oldenbourg verband damit die Erwartung, „dass der Buchhandel die Werke dieser Schriftsteller nicht weiter verbreitet.“ Damit erfuhr das „Fanal der Barbarei“ eine offizielle Anerkennung durch die traditionsreiche Standesvertretung in der „Buchstadt Leipzig“. Das Ende der Geschichte ist bekannt.

  • Dr. Jan-Pieter Barbian ist Direktor der Stadtbibliothek Duisburg. Seine Studie „Literaturpolitik im ,Dritten Reich’“ ist ein Standardwerk.
 
 

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