Stoff für Roben und Romane

Foto: Ingo Otto

Essen. Das Amtsgericht als Ort der Unterhaltung und Belehrung, darunter Sprichwörtliches aus Gelsenkirchen.

Herr M. ist ein bisschen der impulsive Typ. Aber dass er auf der Motorshow zu einem Polizisten gesagt haben soll: „ Halt den Ball flach, Du Penner, sonst klatsch' ich dich weg!”, daran kann er sich auch jetzt, da seine Wangen noch mehr glühen als üblich, nicht erinnern.

Und an den Zeugen, der zugleich besagter Polizist ist, schon gar nicht. Er habe im übrigen damals gar nicht erkannt, dass das ein Polizist gewesen sei. Die Vorsitzende sagt, auch für Nicht-Polizisten scheine ihr „Penner” keine ideale Anrede. Herr M. beteuert, er habe nicht Penner gesagt. Herr M. schaut seufzend zur anstrichbedürftigen Saaldecke. Herr M. ist zum ersten Mal in seinem Leben Angeklagter. Herr M. hat auch einen Zeugen mitgebracht.

Eine Sommerstunde bei Gericht ist vorzugsweise Schlechtwetterprogramm. Doch an diesem Tag – was soll man machen, „Beleidigung” ist als Strafsache ein schöner Einstieg – ist es heiß und stickig. Aber wer erwartet gutes Klima an einem Ort, der entscheidet, ob Körper vorsätzlich oder fahrlässig verletzt wurden, ob eine durch die schwüle Luft der Essener „Egobar” sausende PET-Flasche „gefährliches Werkzeug” ist. Ob, wie ein Zeuge im Brustton der Überzeugung behauptet, Südländer im Dunkeln doch alle gleich aussehen.

Das Amtsgericht, es bietet nicht jeden Tag Stunden, in denen Unterhaltung und Belehrung so wunderbar zusammenfallen wie heute. Aber vorkommen kann es. Man sieht es den öden Fluren und blinden Fenstern nicht an. Aber dies ist das Leben, das wahre, das schonungslose, das tragikomische, das unter Tränen aufrichtige, das dreist an den Tatsachen vorbeilavierende.

Nun ist der Zeuge von Herrn M. aber dran. „Penner”, sagt der Zeuge, der mit Herrn M. den gemütlichen Bummel über die Motorshow gemacht hat, „Penner”, das sage M. eigentlich nie. Die geduldige Richterin fragt nach dem Rest des erwähnten Grußworts an den Ordnungshüter. Wie es sich denn mit „sonst klatsch' ich dich weg” verhalte? Also höchstens „Et klatscht gleich!”, sagt der Zeuge und fügt an, dies sei eine Art Sprichwort in Gelsenkirchen.

Es wird still in Saal 31, draußen klackern ein paar Absätze vorbei. Und die Richterin fragt, wie es ihre Aufgabe ist, was denn wohl „Klatschen” in diesem Zusammenhang bedeute. In dieser Sommerstunde holt der Zeuge tief Luft und antwortet: „Applaus?!”

Ein graues deutsches Amtsgericht trägt den Pelz innen. Der Schein trügt. Im Grunde ist es ein schillernder Ort. Hier liegt der Stoff für Romane. Hier werden die großen Geschichten des Lebens erzählt. Hier sprechen die Propheten („Nee, wer so komisch fährt, der kann bestimmt nich' einparken”). Hier lauert die Poesie. Hier ist Volkes Stimme Volkes Bauch. Der hintersinnige Aphorismus „Pinkeln is' mir scheißegal” fällt während einer Hundekot-Befragung.

Voyeure nehmen die Sommerstunde als Gerichtsshow, andere wollen Rechtskunde-Unterrricht gratis. Dritte schätzen die Kantine: Für 3,50 sind die Spiegeleier mit Spinat wahrhaft keine kulinarische Übervorteilung.

Herr M. und sein Zeuge essen nicht mehr im Haus. Für den Penner-Zuruf an den Schutzmann wurden 200 Euro fürs Kinderhospiz fällig. Selbst in Sommerstunden hat ein Gelsenkirchener Sprichwort seinen Preis.

 
 

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