Steinzeitmädchen erhält ein Gesicht

Hagen/Frankfurt..  Auf das Oberstübchen kommt es an. Je mehr Schädel, desto besser. Das gilt erst Recht für die Steinzeit. Denn aus den alten Knochen kann Dr. Constanze Niess die Vergangenheit wieder lebendig machen. Die Frankfurter Rechtsmedizinerin ist eine Expertin für Gesichtsrekonstruktion. Normalerweise hilft sie der Polizei bei Identifizierungen. Immer öfter jedoch sucht auch die Archäologie das Fachwissen der Spezialistin. Derzeit rekonstruiert sie, wie das Steinzeitmädchen aus der Hagener Blätterhöhle ausgesehen hat. Die 5600 Jahre alte junge Frau wird zur Botschafterin Westfalens der großen Archäologischen Landesausstellung, die im September in Bonn eröffnet wird.

Archäologische Sensation

„Das Reizvolle an dieser Tätigkeit ist, dass es um ein ganz spezielles Individuum geht“, beschreibt Constanze Niess ihre Arbeit, bei der Wissenschaft und Kunst Hand in Hand gehen müssen. So lebte das Mädchen aus der Blätterhöhle vor 5600 Jahren. Archäologisch gilt der Schädelfund als Sensation, weil er beweist, dass die steinzeitlichen Wildbeuter nicht verschwunden sind, nachdem sich die sesshaften Ackerbauern etablierten. Beide Kulturen existierten über einen längeren Zeitraum hinweg parallel. Das wies 2013 eine internationale Forschergruppe erstmalig nach.

Für den Laien sieht ein Schädel aus wie der andere. Nicht so für Constanze Niess. „Wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, ist jeder einzigartig. Er ist die Grundlage für das Gesicht.“ Nicht nur Knorpel und Weichteile machen uns unverwechselbar, es sind vor allem die dahinterliegenden Knochen. Ob Himmelfahrtsnase, Überbiss oder Schlupflider: Viele Merkmale einer Physiognomie lassen sich am Schädel mit erprobten Forschungsmethoden ablesen. „Man muss Wissenschaftler sein am Anfang, kein Künstler, die Sachen vermessen und sich nicht ablenken lassen. Das ist nicht immer leicht.“

Mindestens sechs Wochen braucht die Forensikerin, um ein Gesicht zu formen. Am Anfang stehen die Augen. Ein Okularist aus Wiesbaden stellt die Glasprothesen her, die das Fenster zur Seele des Hagener Steinzeitmädchens öffnen. Bei der Wahl der Augenfarbe ist Constanze Niess auf ihre Erfahrung angewiesen, denn die von den Archäologen gefundenen DNA-Reste können hier nicht weiterhelfen. Das Blätterhöhlen-Mädchen wird „europäisch neutral“ in die Welt blicken, mit graublauer, braun gesprenkelter Iris, wie sie so oft in Westfalen vorkommt.

An der Frisur wird noch gearbeitet

Zum ersten Mal stattet Constanze Niess dabei eine ihrer Figuren mit einem kleinen Lächeln aus. Die zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 17 und 23 Jahre alte Hagenerin soll als junge Frau erkennbar werden. Dieser Arbeitsschritt gehört bereits zum künstlerischen Teil. Die Haarfarbe des Mädchens ist noch nicht festgelegt, „ich muss auch noch ein bisschen an der Frisur machen.“

Das Lächeln ist ein Experiment, weil solche Charaktermerkmale in der forensischen Gesichtsrekon­struktion nicht üblich sind. Constanze Niess muss in diesem Teil ihres Berufs zum Beispiel Wasserleichen identifizierbar machen, die kaum noch Weichgewebe haben. Das ist oft traurig wie in dem Fall der zu Tode gefolterten 16-Jährigen, die im Main ertränkt wurde. Und manchmal tröstlich wie am Beispiel der Frau, die sechs Jahre im See lag. „Deren Kinder waren so glücklich, dass das endlich aufgeklärt werden konnte, dass es jetzt ein Grab gibt. Wenn ich fertig bin, können die Angehörigen mit der Trauerarbeit beginnen.“

Bei den archäologischen Rekonstruktionen gibt es dagegen keine Tränen, im Gegenteil. Oft erhält Constanze Niess die Rückmeldung, dass etwa der Steinzeitmann aus Oberkassel heute durch die Fußgängerzone gehen könnte und nicht auffallen würde. „Die Menschen sind ganz verschieden, jedes Gesicht ist einzigartig. Das Erkennen läuft unterbewusst ab“, erläutert die Wissenschaftlerin das Zusammenspiel von Proportionen, also der Relation von Augen, Nase und Mund zueinander. Da das Blätterhöhlen-Mädchen noch so jung ist, erhält sie runde Bäckchen. Aber da sie sich vermutlich stets am Rande des Hungerns mit viel Bewegung im Freien aufgehalten hat, wird sie schneller gealtert sein als heutige 20-Jährige; auch das muss Constanze Niess zeigen.

„Unseren Vorfahren so nahe zu kommen. Das fasziniert mich morphologisch und künstlerisch gleichermaßen“, betont sie. Wenn die Medizinerin Schieblehre und Plastilin aus der Hand legt, „ist nach meiner Überzeugung die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Rekonstruktion der historischen Persönlichkeit sehr ähnelt.“

Dann muss Constanze Niess loslassen und ihre „Kinder“ in die Welt schicken. Das fällt ihr manchmal schwer. „Das ist wie Hemdenbügeln. Man wird nie ganz damit fertig.“

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