Staller & Wadloff

Staller trägt stets Fliege, sogar bei 30 Grad. Niemand im Haus hat ihn jemals in Schlappen gesehen. Gepflegte Unterhaltung, sagt Staller, ist das A und O menschlichen Miteinanders. Gedankenlose Wortwahl nennt er rumpelige Sprache.

Wadloff bevorzugt offene Hemdkragen und Hosenträger. Stil sei auch ohne Einengung möglich, sagt er, und im Übrigen unverzichtbar. Wadloff trägt stets Hut. Den zieht er in weitem Bogen vom Kopf, wenn er wen Bekanntes trifft. Ein Mann ohne Hut sei wie ein Tisch ohne Verhandlung.

Dass die beiden Männer sich in diesem Haus gefunden haben, ist recht und richtig, und es ist folgerichtig, denn dieses Haus ist so rechtwinklig, da kreuzt jeder Gang alsbald einen anderen, und wer sich darauf befindet, kommt wohl oder übel, früher oder später jemand anderem senkrecht in die Quere. Bei Staller & Wadloff ereignete es sich bereits früh und erwies sich als angenehm, richtig.

Normal ist seitdem für beide, sich nach dem Mittagessen zu treffen und die Weltlage zu besprechen. Im Großen wie im Kleinen. Beim Kleinen sind einige Themen tabu: Krankheiten, Verwandte und Geldsorgen. Darüber wird weltweit schon genug gesprochen. Wadloff hatte anfangs große Mühe, nicht von Krankheiten zu sprechen. Das hat sich inzwischen aber bedeutend gebessert, nicht zuletzt aufgrund des konsequenten Verhaltens von Staller, der entsprechenden Äußerungen keine Beachtung schenkt, stattdessen etwa ein Likörchen kredenzt, eine Zarah-Leander-Platte auflegt oder ein eher weniger klassisches Gedicht rezitiert:

„Der Herbst steht auf der Leiter

und malt die Blätter an

ein lustiger Waldarbeiter

ein froher Malersmann.

Er kleckst und pinselt fleißig

auf jedes Blattgewächs

und kommt ein frecher Zeisig

schwupp, kriegt der auch ‘nen

Klecks.“

Eher weniger klassisch muss es sein, um das Elegische aus der Situation rauszunehmen. Meistens funktioniert das Rausnehmen ganz gut. Man lacht, schüttelt den Kopf, gibt einander Feuer, und alsbald scheint die Lage nicht mehr ganz so aussichtslos.

Vom kleinen Balkon Stallers aus kann man unten im kleinen Park andere Hausbewohner beobachten, die einherwandeln, einen Sonnenstrahl zu erhaschen, vor Bäumen stehen bleiben und nicht weiterwissen. Wadloff zieht in weitem Bogen den Hut vom Kopf, um Frau Stückli seinen Gruß zu entbieten, die in hellblauen Schlappen vorbeitrippelt. Wie schön sie gewesen sein muss, sagt Staller, dem im selben Moment ihr Name entfallen ist.Wadloff lässt sich nichts anmerken, bemerkt stattdessen, wie prachtvoll die Dahlien blühen und die Kastanien mit Früchten um sich werfen. Ja, sagt Staller, der Rosenschnitt steht an und auch die Hubertusjagd. Wir sollten uns aufmachen, Hirsche und Rehe zu erspähen. Ich verspüre große Lust auf Wildbret.

Wadloff klemmt die Daumen unter die Hosenträger und bläst ein keckerndes Halali aus vollen Backen. Staller kichert und rückt die Fliege zurecht. In dem Augenblick fährt unten der große schwarze Wagen vor. Warum gerade jetzt? Kein Grund, warum er gerade jetzt vorfährt. Kein Grund, warum er gerade jetzt nicht vorfahren sollte. Zwei Tage hat er pausiert. Daraus kann man noch kein Gewohnheitsrecht ableiten. Gewiss nicht. Wäre aber doch schön. Ja, wäre schön. Malen sich träumend all jene aus, die zurückbleiben.

 
 

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