„Stadt der Angst“ in Dortmund

In "Stadt der Angst" spielen (v.l.) Uwe Schmieder, Bettina Lieder, Julia Schubert, Ekkehard Freye, Carlos Lobo und Eva Verena Müller.
In "Stadt der Angst" spielen (v.l.) Uwe Schmieder, Bettina Lieder, Julia Schubert, Ekkehard Freye, Carlos Lobo und Eva Verena Müller.
Foto: Birgit Hupfeld
Der dreiteilige Abend „Stadt der Angst“ in Dortmund erzählt von Buchprüfern und Pulsfrequenzen: Die Inszenierungen hätten mit der Uraufführung von „Autschlandd’Amour“, Gogols „Der Revisor“ und Sarah Kanes „4.48 Psychose“ nicht unterschiedlicher ausfallen können.

Dortmund.. Die Lebendigkeit des Dortmunder Theaters liegt zuvorderst an einem Spielplan, der an Einfallsreichtum nicht gerade arm ist. Der vor allem immer wieder Eigenproduktionen hervorbringt, die unsere Gegenwart und unsere Befindlichkeit immer wieder sorgfältig abhorchen. Das neueste Projekt ist „Stadt der Angst“ betitelt und will mit einem Stücke-Triptychon nach den Zusammenhängen von Globalisierung und Burn-out fragen sowie einer grassierenden Angst nachspüren, die vor allem beim Stadtmenschen immer stärker zu registrieren sei. Die drei Inszenierungen, die mit der Uraufführung von „Autschlandd’Amour“, Gogols „Der Revisor“ und Sarah Kanes „4.48 Psychose“ unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können, wurden am Samstag als dreiteilige Premiere präsentiert.

„Autschlandd’Amour“ macht den Einstieg nicht gerade leicht. Regisseur Marcus Lobbes hat da unter dem Pseudonym Fred Hundt eine Art Sprechoper geschrieben, die den Zuschauer mit immer neuen, unangenehmen Fragen konfrontiert. Die Bühne ist hergerichtet wie für eine Preisverleihung, zur Vergabe steht der „Autsch 2014“. Zwei Moderatoren (Carlos Lobo, Julia Schubert) beginnen ganz spielerisch mit ersten Fragen an das Publikum („Sollen wir Sie jetzt unterhalten?“), die mit der Zeit aber immer bohrender werden.

Schwarzer Humor ist garantiert

Mit der einzigen Ausnahme, dass die beiden später durch ein Gartenzwergpaar ersetzt werden, bleibt das Stück dieser endlosen Frageform verhaftet. Da ist es kein Wunder, wenn der Zuschauer, der bei „Welche Farben fallen Ihnen zu dem Begriff Depression ein?“ noch zuhört, allmählich innerlich wegzappt und sich auf die Wohlfühlbilder konzentriert, die auf einem Monitor durchlaufen. Mit Aussagen wie „Aus Freude am Leben – die Chemoterapie“ vor dem Hintergrund von lauter lachenden Gesichtern, ist hier wenigstens noch schwarzer Humor garantiert.

Dass Marcus Lobbes ein ausgezeichneter Regisseur sein kann, das zeigt er anschließend bei Nikolai Gogols „Der Revisor“. Reduziert und komprimiert hat er das Stück, indem er alle Ressortleiter eines Rathauses im Ruhrgebiet in goldenen Jacken nebeneinander platziert und sie den Text chorisch sprechen lässt. Das verstärkt noch das drängende Angstgefühl, das alle erfasst hat, seit sie von der Ankunft eines vom Land entsandten Buchprüfers erfahren haben. Schon die Idee, diesen maskierten Revisor immer wieder aus ihrer Mitte heraus zu „gebären“, ist vortrefflich: Dieser Kontrolleur könnte somit die Ausgeburt ihres kollektiven schlechten Gewissens sein angesichts von Korruption, Geldverschwendung und anderen Delikten. Das Tempo ist rasant, zumal ab und an auch noch der Sprechchor des Hauses die sich windenden Beamten mit Fragen in die Enge treibt.

Wie Probanden in einem Labor

Den Schlusspunkt schließlich steuert der Hausherr selbst bei. Kay Voges hat sich Sarah Kanes dunkles Gedicht „4.48 Psychose“ vorgenommen, den Aufschrei aus den lichten Momenten einer stark depressiven Künstlerin, die sich kurz nach Fertigstellung das Leben nahm. Er lässt ihn jedoch nicht einfach sprechen, sondern verteilt den Text auf drei Schauspieler, platziert sie in einem mit Gaze ausstaffierten Kubus, was sie wie Probanden in einem Labor wirken lässt.

Mehr noch: In Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Hackerspacechaostreff sowie zwei Software-Ingenieuren hat er die Darsteller derart verkabelt, dass ihre Körperwerte ständig abgelesen werden können und in Zahlenkolumnen erscheinen. Die Schauspieler jedoch behaupten sich mit großem Einsatz gegen ihre Puls- oder Atemfrequenzen und auch gegen den Herzschlag. Sie schreien, kämpfen und verstümmeln sich derart, dass die Qual der Autorin ständig spürbar bleibt. Und nicht allein die Technik drum herum.

 
 

EURE FAVORITEN