Springsteens Grüße aus dem Bruciapark

Stephan Hermsen
Bruce Springsteen und seine getreuen Gitarristen: Nils Lofgren (l.) und „Little Steven“ van Zandt rechts im Bruciapark. Im Hintergrund trommelt Max Weinberg, der sich für ein Lied von seinem Sohn Jay vertreten: Die Band ist halt eine große Familie.
Bruce Springsteen und seine getreuen Gitarristen: Nils Lofgren (l.) und „Little Steven“ van Zandt rechts im Bruciapark. Im Hintergrund trommelt Max Weinberg, der sich für ein Lied von seinem Sohn Jay vertreten: Die Band ist halt eine große Familie.
Foto: WAZ FotoPool
Der Boss lud mit seiner Familie namens E-Street-Band zum Rock’n’Roll-Wunschkonzert ins Stadion in Mönchengladbach. Und 37 000 Besucher feierten mit ihm über drei Stunden. Lautstark und mit einem Lächeln.

Mönchengladbach. Bruce Springsteen – was soll der denn bitteschön Neues bringen? Der 63-Jährige war doch erst vor einem Jahr in Köln und so großartig, dass eine Steigerung kaum möglich scheint. Nun, vielleicht war sein Auftritt in Mönchengladbach nicht besser oder schlechter – nur anders.

Platz 354 der Playliste? Kein Problem für die Band

Die 37 000 vor und die 17 Menschen auf der Bühne feiern eine E-Street-Band in Partylaune. Die spielt vor allem zu Anfang technisch so gruselig, dass alle gemeinsam grinsen und Springsteen flachst: „Ich hab denen zehn Euro bezahlt, da sollen die auch spielen, was ich will.“ Dann zieht er Pappschilder mit Liederwünschen aus den vorderen Reihen und lässt einen Rauswerfer wie „Shake, Rattle and Roll“ als vierten Song spielen. Oder „One Way Street“ – Platz 354 der Springsteen-Playliste wird in gut 40 Bühnenjahren also zum erst fünften Mal live geboten.

Stück für Stück geht’s durch die Wunschliste. Und wenn ein Zuschauer ein Schild empor reckt, auf dem steht, dass er seit 35 Konzerten am Bühnenrand steht und noch immer keine Mundharmonika vom Boss hat: Auch dem Manne kann geholfen werden. Genauso wie der Frau, die mit dem Hinweis wedelt: „Tanz mit dem molligen Mädchen!“ Zur Zugabe „Dancing in the Dark“, als die Dämmerung ein wenig von der Lichttechnik erahnen ließ, walzt der Boss mit der Walküre über die Bühne. Und allen geht das Herz auf.

Warum der Boss keine neuen Lieder braucht

Darum nämlich braucht Spring-steen keine neuen Lieder: Weil er vermittelt, gemeinsam mit seiner Familie namens E-Street-Band die Lieder zu spielen, auf die sie gerade am meisten Lust haben, irgendwo zwischen den 1972er-Grüßen aus dem heimatlichen Asbury Park, New Jersey, und dem – Sorry! – Bruciapark in Mönchengladbach.

Einige Standards sind dabei: Trapped ist immer das Live-Ereignis mit Gänsehautgarantie. Bei „Waiting on a Sunny Day“ darf wieder ein Teenager den Refrain intonieren. Kommentare zu amerikanischen Träumen und Traumata zwischen Kennedy-Tod, Vietnam-Krieg und dem 11. September? Fehlanzeige. Auch die 2012 noch spürbare Trauer um den Saxofonisten Clarence Clemons: Sie ist gewichen – statt Soul und Gospel ist Rock’n’Roll wieder König: Brachial laut und energiegeladen. Dreieinhalb Stunden spielt die Band zur Party auf, die mit „Rockin’ all over the World“ endet. Und die E-Street-Band zieht weiter um die Welt. Wenn Springsteen einfiele, nächstes Jahr noch mal zu kommen? Es würden sich wieder Zehntausende aufmachen, wegen der Party und der Gewissheit: Chefs kommen und gehen, der Boss aber bleibt der Boss.