Sprechen Sie Smalltalk? - Tipps für Bus, Bahn und Party

Maren Schürmann
„Super Stimmung hier!“ Manchmal sind es Smalltalk-Sätze wie dieser, die bei einer Party das Eis brechen.
„Super Stimmung hier!“ Manchmal sind es Smalltalk-Sätze wie dieser, die bei einer Party das Eis brechen.
Foto: Jamiri
„Wie geht’s?“ – „Kann nicht klagen.“ Haben sich die Menschen eigentlich nichts Wichtigeres zu sagen? Doch Smalltalk ist ein gutes Gespräch. Man muss nur wissen, wie man ihn führt. Es kommt nicht nur auf die Wahl der Worte an, sondern auch auf Themen und Körperhaltung.

Essen. „Hallo Steffi!“ „Hallo?“, sagt Steffi und denkt: Das Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor, aber wer ist das? Peinlich, werde ich rot? „Ich bin’s doch, der Sven.“ Richtig, der Sven! Der hat mit ihr getanzt, damals in dieser Tanzschule, in der sie heute die Vorführung seiner Tochter und ihrer Nichte beklatschen. „Und wo hat es dich hin verschlagen?“, stellt sie die erste Frage, die ihr einfällt, und denkt: Der hat aber Haare gelassen. Er: Ich habe sie schlanker in Erinnerung. Beide haken ab: meine Familie, mein Wohnort, meine Arbeit: „Heute mache ich in Stahl…“, sagt Sven und Steffi zieht die Augenbrauen hoch: in Stahl? Früher wollte er Tanzlehrer werden! Sie versucht, ein Gähnen zu unterdrücken: Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?

Wir werden immer wieder zur zwanglosen Plauderei gezwungen. Weil das Schweigen noch unangenehmer wäre. Auf der Familienfeier von Tante Hildegard und der Karnevalsparty beim Nachbarn und vor einem Meeting im Büro und, und, und. Diese Floskeln, dieser oberflächliche Wörteraustausch aus reiner Höflichkeit – wozu das Ganze? Doch Smalltalk ist ein gutes Gespräch. Denn mit ihm fängt alles an. Man muss nur wissen, wie man ihn führt.

Wer hat wirklich etwas Wichtiges zu sagen?

Bla, bla, bla – wo man hinhört, plappern die Menschen. In der Bahn und im Büro, auf der nächsten Party ebenso. Wer hat wirklich etwas Wichtiges zu sagen? „Der Regen könnte aber auch mal aufhören.“ „Stimmt, wir hatten schon seit Wochen keinen blauen Himmel mehr.“ Wen interessiert das wirklich – wenn man nicht gerade Landwirt ist? Würden wir die Zeit, die wir dem Wetter widmen, doch anders nutzen: für etwas Sinnvolles, für inspirierende Gedanken, die uns weiterbrächten als bis zum nächsten Wetterbericht. Doch während die einen noch am Rande stehen und darüber grübeln, welches bewegende Thema sie aufarbeiten könnten, sind die anderen bereits mitten im Gespräch: „Morgen soll es wärmer werden.“

Das Wetter. 40 Prozent aller Menschen sprechen laut einer Forsa-Umfrage gerne über Schnee bis Sonnenschein (Für den Klimawandel interessieren sich keine 30 Prozent). Gibt es trivialere Themen als das Wetter? Nur sehr wenige. Und gerade das macht das Wetter als Gesprächsthema so besonders. Jeder, wirklich jeder, ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob gebildet oder weniger schlau, kann etwas zum Wetter sagen. Spontan, ohne dass man verunsichert weggucken müsste. Das Wetter lässt uns im Kontakt mit anderen niemals im Regen stehen.

Oft schämen wir Deutschen uns für banale Gespräche 

Doch besonders in Deutschland schämen sich schlaue Menschen – oder die, die gerne als solche gesehen werden möchten – für banale Gespräche. Für die Briten sind sie dagegen so selbstverständlich wie der Fünf-Uhr-Tee: „Wonderful, isn’t it?“ Was macht es ihnen so leicht, immer wieder zusammen in den verhangenen Himmel zu schauen? Ihr gutes Gefühl! Deshalb haben auch die Amerikaner ständig ein nicht gerade ernst gemeintes „How are you?“ auf den Lippen. „Kommentare über das Wetter oder andere Belanglosigkeiten haben nur eine einzige Aufgabe: eine freundliche, liebenswürdige Stimmung aufzubauen“, sagt Doris Märtin, Kommunikationstrainerin, Anglistin und Autorin von Büchern wie „Words don’t come easy“ oder „Smart Talk“, in denen sie die beglückenden Seiten des Alltagsgesprächs zeigt.

Beglückend? „Zu viel Smalltalk macht unglücklich“ – so das Ergebnis einer Studie an der Universität in Arizona. Ein Forscherteam hat Alltagsgespräche von Menschen aufgenommen, die sich selbst als besonders glücklich oder als unzufrieden eingestuft haben. Das Ergebnis: „Glücklich ist man im Leben eher dann, wenn man soziale Kontakte pflegt“, sagt der Psychologe Matthias R. Mehl, „und in den Konversationen an die Substanz geht.“ Also das Gegenteil von Smalltalk.

Das leuchtet ein: Wer mit seinem Partner, seinen Freunden und engsten Kollegen nur über Belangloses redet, der wird irgendwann eine innere Leere spüren. Auch ein Berufsleben als Stewardess, Friseur oder Vertriebsmitarbeiter kann kräftezehrend sein: Von ihnen wird stets Gute-Laune-Smalltalk erwartet, auch wenn sie den Kunden am liebsten zum Mond schießen würden.

Es geht ums sachte Abklopfen

Aber wie sollen wir direkt an die Substanz gehen, wenn wir uns fremd (geworden) sind? Wenn wir auf einer Feier eingeladen werden, bei der wir nur den Gastgeber kennen? Wenn wir noch gar nicht spüren, ob wir unserem Gegenüber vertrauen können? Dann können Themen wie Politik und Religion, Trauer und Treue schnell zu eisigem Schweigen führen – und dem Wunsch zu fliehen: „Entschuldigung, ich muss mal aufs Örtchen“. Wer jedoch plaudert, nicht Meinungen austauscht, sondern eine entspannte Situation entstehen lässt, der kann den anderen erst einmal sachte abklopfen: Gibt es Gemeinsamkeiten? Schwimmen wir auf einer Welle? Danach ist ein angenehmes Gespräch mit Tiefgang überhaupt erst möglich.

Wir müssten uns einfach nur zu einer Gruppe stellen, uns vorstellen, Fragen stellen. Doch genau das stellt viele vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe: den Anfang. Weil sie sich selbst unter Druck setzen, sofort etwas Beeindruckendes zu sagen. Dabei ist das völlig unbegründet. Denn bei einem locker geführten Gespräch zählt, so haben Wissenschaftler herausgefunden, nur zu etwa zehn Prozent das gesprochene Wort. Oder wie es einst der Ethnologe Ray Birdwhistell formulierte: „Der Mensch ist ein auf vielen Ebenen kommunizierendes Wesen, das manchmal auch spricht.“

Auch unser Körper spricht 

Den Eindruck, den wir im ersten Moment der Begegnung hinterlassen, ist eine Summe aus vielen nonverbalen Botschaften: Mimik und Gestik, Kleidung und Körperhaltung. Nicht alles können wir kontrollieren. Manches aber schon. Ob wir lächeln zum Beispiel. Oder ob wir bei der Begrüßung die Hand geben. Blicken wir unserem Gegenüber freundlich ins Gesicht, schauen wir an ihm vorbei oder starren wir ihn unvermittelt an?

Selbst das Parfüm, das wir uns morgens aufsprühen, signalisiert dem Gegenüber, ob man sich nach einem anfänglichen Beschnuppern auch noch länger gut riechen kann.

Es ist nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Auch wenn wir kein Wort sagen, nehmen uns die anderen wahr, ordnen uns ein, fällen ein (Vor-)Urteil. Wer bei einer Feier abwartet, ob andere ihn ansprechen, kann schnell arrogant wirken. Und der schöne Abend zieht sich zäh wie Kaugummi bis eine passende Ausrede zum Gehen gefunden ist: „Ich muss morgen früh raus.“ Und wer sich lieber an sein Handy klammert anstatt sich an einem Gespräch über neue Technik und Tarife zu beteiligen, sollte sich nicht wundern, wenn bei ihm irgendwann allgemeine Funkstille herrscht. Die Wahrscheinlichkeit, so als Sympathieträger erkannt zu werden, ist eher gering. Dabei wollen die meisten Menschen genau das: gemocht werden.

„Ja, aber . . .“

Nicht alle Seiten an uns werden gemocht, das haben wir bereits in der Kindheit von Eltern, Geschwistern und Lehrern gelernt. „Ja, aber. . .“ „Sprich nicht dazwischen, wenn sich Erwachsene unterhalten.“ Diese „bösen Seiten“ gilt es zu verbergen. Als Erwachsene brauchen wir diese Richter von außen nicht mehr, wir setzen uns selbst unter Druck. „Der Richter in uns“, nennt das Friedemann Schulz von Thun, der die Klassiker-Reihe zur „Allgemeinen Psychologie der Kommunikation“ geschrieben hat: „Verbotene Gefühle und Handlungsimpulse brauchen zur Unterdrückung keinen Richter von außen mehr, sie lösen automatisch Schuld- und Schamgefühle aus.“ Und wenn dann noch jemand uns gegenüber steht, der den alten Richtern aus der Kindheit ähnelt, werden wir garantiert sprachlos.

Aus Angst vor Ablehnung oder Fehlern, aus Furcht, sich zu blamieren oder aufzudrängen, tun viele lieber gar nichts. Sie verfallen wie ein Kaninchen vor der Schlange in eine Schockstarre, wenn sie den Chef zufällig im Aufzug begegnen. Dabei erwarten nicht mal Vorgesetzte, dass man im Fahrstuhl Nietzsche zitiert oder mit nur einer einzigen Idee den Gewinn des Unternehmens maximiert. Doch wie soll der Chef sie wahrnehmen, wenn sie schweigen?

Bei anderen ist das Minderwertigkeitsgefühl so stark, dass sie ohne Punkt und Komma plappern: „Ich bin, ich habe, ich kann…“ Sie prahlen mit ihren Erfolgen und machen andere klein, um die sehnsüchtig erwartete Aufmerksamkeit, den Applaus eines Publikums zu bekommen. Ohne zu merken, dass sie damit andere verprellen.

„Wie geht’s?“ „Gut, und selbst?“ „Muss“ 

„Wenn der Smalltalk einen schlechten Ruf genießt, liegt das daran, dass er oft schlecht geführt wird“, sagt Kommunikationstrainerin Doris Märtin. „Wie geht’s“ – „Gut, und selbst?“ – „Muss.“ Nicht der Einstieg ist hier fragwürdig, sondern wie das Gespräch schon im Keim erstickt wird. Was soll nach solch einem „Muss“ noch kommen? Wer aber aufmerksam zuhört, nachfragt, etwas von sich preisgibt und ein Thema anbietet, gewinnt Nähe zum Gesprächspartner und fühlt sich mit ihm verbunden. Märtin: „Guten Smalltalk erkennt man daran, dass die Bälle hin- und herfliegen wie beim Ping-Pong-Spiel. Das gelingt nur, wenn beide Gesprächspartner sich bemühen.“

Und dann kann aus einem anfangs seichten Wettergeplauder eine gesellige Unterhaltung werden, die einen herzhaft lachen lässt und das Gefühl gibt, dazuzugehören. Ein anderes Mal erweitert sich der eigene Horizont, weil man mit dem Sitznachbarn auf einer langen Zugfahrt ins Gespräch kommt. Selbst wenn wir diesen Menschen nie wiedersehen: Vielleicht begleiten uns seine Ideen ein Leben lang. Oder man verabredet sich, bleibt in Kontakt, arbeitet später zusammen, weil man sich vertraut. Freundschaften entstehen, aus denen manchmal sogar Liebe wird. Alles ist möglich nach einem lockeren Smalltalk-Einstieg: „Die Sonne tut gut, nicht wahr?“

„Man sieht sich“

„…35 Stunden geregelte Arbeitszeit“, beendet Sven in der Tanzschule den Vortrag über seinen Stahl-Job. Er betont die „35 Stunden“, die noch viel Zeit für anderes lassen. Er lächelt verschmitzt. Steffi denkt: Dieses Lächeln, das kenne ich. Mit ihm kommen auch die Bilder wieder, aus einer Zeit, als sie nicht nur zusammen getanzt haben, sondern auch glaubten, die Welt sei voller Chancen und sie müssten einfach nur zugreifen… „Weißt du noch?“ Und schon lassen sie die Erinnerungen tanzen. Ein Gong ertönt – die Vorführung geht weiter. „Man sieht sich“, sagt Sven etwas verlegen. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht aber doch? „Ich wünsche dir alles Gute!“, ruft er noch. Und das klingt keineswegs nach einer Floskel. Ein letztes verbindendes Lächeln und Steffi sagt dankbar für diese Reise in die Vergangenheit: „Das wünsche ich dir auch!“