Spannungsdusche

Ein der berühmtesten Schreie der Filmgeschichte: Janet Leigh in Alfred Hitchcocks „Psycho“. Foto: Paramount Pictures/Courtesy of Getty Images
Ein der berühmtesten Schreie der Filmgeschichte: Janet Leigh in Alfred Hitchcocks „Psycho“. Foto: Paramount Pictures/Courtesy of Getty Images
Foto: Getty Images

Ruhrgebiet.. Eigentlich sieht man nichts. Eine Frau geht duschen. Sie stellt das Wasser an, seift sich ein. Da wird der Duschvorhang zur Seite gerissen, eine Klinge blitzt auf. Violinen kreischen, die Frau schreit. Die Hand mit dem Messer sticht zu. Immer und immer wieder. Die Kamera zeigt keinen Treffer, zeigt nicht wie die Klinge in den Körper eindringt. Aber das muss sie auch nicht. Der Zuschauer weiß, was passiert, das eigentlich Unsichtbare erscheint vor seinem geistigen Auge. Heute, wie vor 50 Jahren -- als der Film „Psycho“ seine Weltpremiere feierte.

Früh am Morgen ist es an diesem 16. Juni 1960. Und doch stehen die Leute in New York schon Schlange vor den Kinos. Sie wollen einen Film sehen, von dem sie so gut wie nichts wissen. Außer, dass er von Hitchcock ist. Und dass sie pünktlich sein müssen. Wer zu spät kommt, den straft der Regisseur. Hitchcock hat das Motto ausgegeben: „Der Film, den Sie nur von Anfang an sehen dürfen...oder gar nicht.“

Auch sonst versteht es Hitchcock, die Neugierde der Zuschauer zu wecken. Die Mitarbeiter am Set werden zum Schweigen verdonnert, Interviewanfragen abgelehnt, Testvorführungen abgesagt. Und die literarische Vorlage zu „Psycho“ hat Hitchcock landesweit aufkaufen lassen. Damit niemand das Ende erfährt.

Ein Irrer in Kleidern

Viel Wirbel um einen Film, den zunächst niemand haben wollte. Ein Irrer in Frauenkleidern, der vom Tod seiner Mutter so traumatisiert ist, dass er immer wieder in ihre Rolle schlüpft und junge Mädchen metzelt. Da winken die Studios in den späten 50er-Jahren noch ab, selbst wenn ein Al­fred Hitchcock Regie führt. Zu hart, zu blutig, zu freizügig. Aber Hitchcock gibt nicht auf. Diesen Film will er machen. Wegen einer Szene. „Ich glaube, das Einzige, was mir gefallen hat und mich dazu gebracht hat, den Film zu machen, war der unerwartete Mord unter der Dusche.“

Er produziert selbst. In Schwarz-Weiß. Das wird später gern als künstlerisches Mittel bezeichnet, ist aber vor allem eines: kostengünstig. Hitchcock muss aufs Geld achten: Deshalb verzichtet er auch auf große Stars. Janet Leigh, die bereits nach 47 Minuten stirbt, bekommt 25 000 Dollar, Anthony Perkins 40 000 Dollar. Selbst beim Sound wird gespart. Bernard Herrmann komponiert den gesamten Soundtrack nur für Streicher. Ein ganzes Orchester wäre zu teuer gewesen. Zum Glück: „33 Prozent des Erfolges von Psycho gehen auf die Musik zurück“, lobt Hitchcock seinen Komponisten später.

In gerade einmal 36 Tagen wird Psycho heruntergedreht. Nur für die Szene im Badezimmer nimmt sich das Team eine Woche Zeit. „Ich war so lange unter der Dusche“, erzählt Leigh später, „dass ich aussah wie eine verschrumpelte Trockenpflaume.“ Der Mord wird aus über 70 Kamerapositionen gefilmt, die fertige Szene enthält über 50 Schnitte. Im Film dauert sie kaum 60 Sekunden. Eine Minute, für die Ewigkeit. Immer wieder wird sie nachgedreht, wird sie kopiert - zuletzt von den Simpsons.

Mit Angst ins Bad

800 000 Dollar hat Psycho gekostet, nach kurzer Zeit aber trotz der vernichtender Kritiken bereits über 40 Millionen Dollar eingespielt. Drei – weniger erfolgreiche – Fortsetzungen folgen, 1998 dreht Gus Van Sant jedoch den Film nach. Szene für Szene, inFarbe. Und viele Schlitzer-Filme wie „Scream“ hätte es ohne „Psycho“ wohl nicht gegeben.

Aber der Film verändert nicht nur Hollywood, sondern auch das Leben seiner Hauptdarsteller. Perkins wird die Rolle des messerschwingenden Irren nie wieder los und muss zeitweise selbst in psychiatrische Behandlung. Janet Leigh macht nach den Dreharbeiten lange Zeit einen großen Bogen um jede Dusche.

Da ist sie allerdings nicht die einzige. Viele Zuschauer gehen ängstlich ins Bad. Nach der Veröffentlichung des Films erhält Hitchcock Post eines wütenden Vaters. Seine Tochter wolle nach dem Besuch des Films weder in die Wanne, noch unter die Dusche. „Schicken Sie Ihre Tochter“, beantwortete der Regisseur den Brief, „doch einfach in die Reinigung.“

 
 

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