So zeigen Menschen heute ihren Unmut und rütteln wach

Die Kinder bedanken sich bei der Familienministerin für ein tolles Hilfsprogramm, das es aber so nur in der Fantasie der Köpfe vom „Zentrum für politische Schönheit“ gegeben hat. Warum eigentlich?
Die Kinder bedanken sich bei der Familienministerin für ein tolles Hilfsprogramm, das es aber so nur in der Fantasie der Köpfe vom „Zentrum für politische Schönheit“ gegeben hat. Warum eigentlich?
Foto: Alexander Buehler
Mit vielen Online-Petitionen und Kunst-Aktionen versuchen sich die Menschen Gehör zu verschaffen. Die Hemmschwelle sinkt.

Essen.  Heute sind wir mal politisch. Heute sind wir mal so richtig engagiert: Mail-Adresse angeben, Bestätigungslink anklicken, fertig. Innerhalb von ein paar Minuten können wir so ein Bleiberecht für Asylbewerber XY fordern, dagegen protestieren, dass „Problemhund“ Pascha aus Duisburg eingeschläfert wird, uns dafür aussprechen, dass Supermärkte unverkaufte Lebensmittel spenden müssen, dass endlich offen über die gleichgeschlechtliche Ehe abgestimmt, und dass der Korrespondent der Washington Post aus iranischer Gefangenschaft freigelassen wird.

Danach lehnen wir uns zurück, drücken die Daumen, dass unsere Klicks etwas bewirken und gönnen uns das Gefühl, die Welt ein klein wenig besser gemacht zu haben.

Nie war Protestieren und Fordern so einfach: Plattformen wie openpetition.de, change.org oder avaaz.org verlangen weder Hintergrundwissen noch die Preisgabe sensibler Daten: Name, Mailadresse, Wohnort – mehr braucht es nicht. Sogar ganz anonym lässt sich Partei ergreifen: Auf Wunsch wird auf change.org der Name nicht öffentlich sichtbar; und selbst, wer einen falschen Namen angibt, darf mitmachen – solange die Mail-Adresse existiert, heißt es auf dem plattformeigenen Blog.

Die Petition ist schnell aufgesetzt: Anliegen schildern, mit Bild oder Video bestücken, auf Unterstützer warten. Nach Zeitablauf können die gesammelten Unterschriften dem jeweiligen Adressaten – Regierung, Einzelpersonen, Behörden, Konzernen, … – übergeben werden. Meine Forderung interessiert sowieso niemanden? In der Regel schon. Das Internet fungiert als großes Schleppnetz, das vermeintliche Einzelkämpfer einfangen und versammeln, weit versprengte Interessengruppen vereinen kann. Während man mit einer Unterschriftenaktion „für eine deutsche Version der Serie Dragonball Super auf ProSieben MAXX“ in der Fußgängerzone wohl maximal eine Handvoll Gleichgesinnte mobilisieren könnte, bringt das Fan-Begehren es im Internet auf 29 000 Unterstützer. Über 60 000 Mitstreiter hat ein Vater, der die Justiz dazu bringen will, ein neues Verfahren gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder seiner Tochter einzuleiten.

Das Leben ist doch ein Ponyhof

„Gemeinsam die Lücke zwischen der Welt, die wir haben und der Welt, die sich die meisten Menschen überall wünschen, zu schließen“ hat sich die Plattform avaaz.org auf die Fahnen geschrieben. Dennoch muss das Anliegen eines Online-Petenten nicht per se massentauglich oder zwingend von Pazifismus und Großherzigkeit durchdrungen sein: Knapp 3000 Unterzeichner möchten die Bundesregierung absetzen – wegen „national feindlicher und ferngesteuerter Politik“. Und an der TU Dortmund wünschen sich 49 Studenten, im kommenden Wintersemester von Dr. Horst in Höherer Mathematik unterrichtet zu werden. Es gibt Aufrufe gegen Ponyreiten auf Jahrmärkten, und für Ponyreiten auf Jahrmärkten. Das Leben, so scheint es, ist eben doch ein Ponyhof.

Unterschrieben wird aus einem Impuls heraus, selten aufgrund erdrückender Argumente. Kostet ja nix. Mein Bauchgefühl trägt die Verantwortung. Wem gegenüber müsste ich mich rechtfertigen?

„Tendenziell bringen bestimmte Zeitperioden neue Protestformen hervor“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Vereins für Protest- und Bewegungsforschung Prof. Sabrina Zajak. Was verrät der Petitions-Boom über uns, über unsere Zeit? Sind wir träge geworden, haben uns im kuscheligen Nest unserer demokratischen Privilegien eingerollt und beobachten die Politik als unterhaltsames Spiel, in das wir je nach Laune ab und zu eingreifen? So betrachtet hat Philipp Ruch Recht, wenn er Online-Petitionen als „neuste Form der Grausamkeit“ verteufelt. Der Gründer des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) in Berlin ist das krasse Gegenteil eines stillen Schreibtischaktivisten und Teilzeit-Weltverbesserers – Ruch rüttelt auf und rüttelt wach. Genauso wenig wie für Online-Petitionen hat er übrigens für Mahnwachen, Lichterketten und die klassische Demo übrig. Aus allem, was Ruch in den vergangenen Jahren öffentlich getan und gesagt hat, ergibt sich ein klares Bild dessen, was er nicht sein will: Aktivist, Protestler, Demonstrant, . . .

Schwieriger lässt sich einordnen, was er sein will, was genau er da tut. Auf seiner Internetseite bezeichnet sich das ZPS selbst als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“ – zigmal wurde die Definition zitiert, weil diese wolkigen Worte treffend erscheinen, sich aber einer greifbaren Entschlüsselung erst einmal entziehen. Kunst muss der Laie nicht verstehen, Künstler auch nicht. Doch wer sich von der reinen Theorie dieser Sätze löst und die Praxis betrachtet, sieht Menschen, die Aufmerksamkeit wecken und lenken, deren Wirken kontrovers diskutiert, aber eben diskutiert wird, die sich zuweilen drastischer Mittel bedienen. Ja, was Ruch und das ZPS anstoßen, ist kein überstürzter Aktionismus, kein impulsiver Ausbruch, sondern akribisch geplant und professionell inszeniert: Im Juni 2014 taucht im Netz die Seite kindertransporthilfe-des-bundes.de auf. „Ändern Sie den Hintergrund dieses Kindes“ fordert ein Schriftzug über dem Bild eines kleinen Mädchens mit struppigen braunen Haaren und traurigen dunklen Augen – eines syrischen Flüchtlingskindes, wie die Bildunterschrift erklärt. Über der Seite prangt das Logo des Bundesfamilienministeriums, ein Werbevideo informiert: 55 000 syrische Flüchtlingskinder sollen zeitweise in deutschen Gastfamilien untergebracht werden. Die Fürsprecher – ein Elternpaar, ein Abteilungsleiter des Ministeriums, ein Holocaust-Überlebender und weitere – kommen zu Wort, erinnern an die jüdischen Kinder deutscher Herkunft, die 1938 Zuflucht in England fanden. Zusätzlich werden Fakten zum Syrienkonflikt, Formulare für interessierte Eltern und rechtliche Informationen auf der Seite bereitgestellt. Hier scheint etwas Großes zu geschehen, ein Akt der Menschlichkeit, der so gar nicht ins Bild nüchterner deutscher Politik passen will. Und tatsächlich: das Video, die Internetseite, der „nationale Appell der Bundesfamilienministerin“ – eine Illusion. Man habe, so heißt es vonseiten des ZPS „stellvertretend für die Bundesregierung“ ein Hilfsprogramm entwickelt – das die Ministerin nicht will. Was hängenbleibt, bei den Tausenden, die das Video angeschaut haben, ist die Frage: „Warum eigentlich nicht?“

Sie machen auf „Europas Mauertote“ aufmerksam

Weniger Konsens, mehr Verwirrung erzwingt das aktuelle Werk „Die Toten kommen“. Es geht um „Europas Mauertote“: Menschen, die auf der Flucht nach Europa sterben, und die man, wenn sie überhaupt geborgen werden, anonym verscharrt. Eine „würdige Bestattung“ möchte das ZPS wenigstens einigen von ihnen zuteil werden lassen und überführt zunächst einmal die sterblichen Überreste einer syrischen Frau aus Italien nach Deutschland, wo sie im Rahmen einer symbolisch aufgeladenen Veranstaltung beigesetzt werden. Der zweite Akt folgt sogleich: Tausende Demonstranten ziehen als „Marsch der Entschlossenen“ zum Bundestag, heben dort Gräber aus, hinterlassen Kreuze und Blumen.

Während das „Stück in gesellschaftlicher Selbstaufklärung“, wie Ruch es nennt, in den Medien zwar kritisch hinterfragt aber letztlich mit einem „Kunst darf alles“ oder „Der Zweck heiligt die Mittel“ legitimiert wird, hört man von Politikerseite auch: pietätlos, befremdlich. „Provokant“ findet die Aktion fast jeder, der sie kommentiert. Eine Steilvorlage für Philipp Ruch: „Wissen Sie, was eine große Provokation ist? Schauen Sie sich das Massenertrinken auf dem Mittelmeer doch an. Wir leben in einer Zeit, in der die Abschottungspolitik der Bundesregierung die große Provokation ist, während Kunst für eine würdige Bestattung dieser unserer Toten sorgt.“

Bilder von Särgen haben Wirkung

Solche Sätze werden gehört. Würde Ruch sie bloß auf ein Plakat schreiben oder auf einem Blog posten – wer würde sie verbreiten? So aber, mit den Bildern von Särgen, von Kreuzen, von symbolischen Grabstellen auf ihren Schultern, bekommen sie Gewicht.

Ein bisschen bodenständiger, aber nicht minder aktiv, betätigen sich die Aktivisten der 2004 gegründeten Nichtregierungsorganisation Campact. Sie setzen auf die Mobilisierung der Massen – online und offline. Newsletter, Spenden, Online-Unterschriften, Straßenprotest. Das Internet senke die Schwelle zum Protest entscheidend, schreibt die Journalistin und Aktivistin Kirsten Brodde. Doch es bedürfe der geschickten Verknüpfung von Netz und Straße. Wie schnell sich die geballte Macht des Internets in der Realität nämlich verlaufen kann, zeigt ein Beispiel Campacts, das Kirsten Brodde in ihrem Buch „Protest!“ aufgreift: Um gegen längere AKW-Laufzeiten vorzugehen, informierte die Organisation 170 000 Newsletter-Abonnenten, 85 000 unterschrieben daraufhin den Aufruf an die Politik. Zum Protest auf der Straße schließlich erschienen: 200. Dennoch: Campact lässt nicht locker und verzeichnet Erfolge, auch dank Online-Petitionen.

Werbeplakate mit neuer Botschaft

Der anstachelnden Wechselwirkung von Internet und Wirklichkeit bedient sich auch das „Adbusting“. Adbuster protestieren gegen die Vereinnahmung des öffentlichen Raumes durch Werbung, indem sie Werbeplakate verfremden – natürlich nicht als großes Happening, sondern im Geheimen. Das Ergebnis ist in der Realität meist nur kurz zu bewundern, im Internet aber überlebt es problemlos. Während sich die Aktionen oft gegen Außenwerbung als solche richten, „wirbt“ die Gruppe „Dies Irae“ („Tag des Zorns“) derzeit gegen Fremdenfeindlichkeit: Vielerorts tauchen Plakate mit eingängigen Sprüchen und Bildern auf. „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, der Nazi macht es andersrum“ oder, wie kürzlich in Dortmund: ein Shirt mit Fleck und der Aufschrift „Brauner Stadtschmutz“, darüber der Hinweis „Bitte auf links waschen“. Das muss man einfach liken und teilen und weitererzählen. Und wieder reicht ein Klick zur klaren Positionierung. Oder?

Zweck der Aktion sei, so die Gruppe in einem Interview, „die vermutlich schweigende Mehrheit, die eben nicht den Mund aufmacht, wenn gegen Asylbewerber gepöbelt wird, zu stärken, damit sie vielleicht mutiger wird“. Die schweigende Mehrheit. Auf der einen Seite die Künstler, die Leidenschaftlichen, die wahren Kämpfer – auf der anderen die tumbe Masse der vorsichtig empörten „Klicktivisten“?

Eine Aktion muss inspirieren

„Den Kern aller guten Aktionen macht aus, dass sie inspirierend sind“, sagt Ruch. Was aber tut, wer Ungerechtigkeiten sieht und beseitigen möchte, aber nicht jeden Morgen mit einer neuen originellen Idee aufwacht, kein Team von kreativen Köpfen um sich hat, nicht auf ein Netzwerk von kühnen Mitstreitern zurückgreifen kann? Darauf verzichten, sich für oder gegen etwas einzusetzen?

„Früher waren Protestbewegungen stabiler, weil es auch kompakte tragende Milieus gab“, sagt der Demonstrationsforscher Dieter Rucht in einem Interview. Bauernschaft, Kleinbürgertum, Arbeiterschaft – „Das existiert in dieser Geschlossenheit heute nicht mehr.“ Während die „tragenden Milieus“ zerbröseln, auseinanderdriften, rücken ferne Probleme näher heran. Kinderarbeit, Bürgerkriege, von Regimen eingesperrte Aktivisten, undurchsichtige globale Freihandelsabkommen, Regenwaldzerstörung. Und es wächst das Bedürfnis, überall ein bisschen zu helfen. Mit jeder neuen Ungerechtigkeit, jeder neuen Ungeheuerlichkeit, die auftaucht in den Nachrichten, im Internet, vor der eigenen Haustür, wird das Gefühl dringlicher. Warum also nicht erstmal eine Online-Petition unterschreiben oder selbst aufsetzen?

Ja, mitunter weiß man beim Lesen der Petitionstexte wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll. Schreckliches und Banales stehen sich da unmittelbar gegenüber. Fremdes vermischt sich mit Vertrautem, das Einzelschicksal mit der Not ganzer Völker, der Erhalt von „Dieters Pommesbude“ in Marburg mit dem Leid jesidischer Frauen und Mädchen, die vom IS verschleppt oder getötet werden. Aus manchen Formulierungen purzelt rührende Naivität, aus anderen schreit pure Verzweiflung. Man muss etwas tun und weiß sich nicht besser zu helfen.

Klar ist: Viele Menschen sind nicht unpolitisch. Sie wollen mitentscheiden und gestalten und sich gegen Dinge wehren, die sie für falsch halten. Klar ist auch: Das Internet macht es leichter, Verbündete zu finden. Protest ist dort schneller, leichter wahrzunehmen, leichter weiterzutragen. Die Hemmschwelle ist geringer, weil man sich im Netz besser verstecken kann – was mancherorts bitter nötig ist, hierzulande aber eher einer merkwürdigen kollektiven Zurückhaltung geschuldet ist. Die es abzulegen gilt, wenn man wirklich für etwas einstehen möchte. Protest braucht eine wie auch immer geartete Verknüpfung mit der Wirklichkeit. Es muss ja nicht gleich eine Grabstätte vor dem Bundestag sein. Manchmal kann auch eine gemeinsame Fahrradtour eine politische Aussage haben. Und manchmal ist das naheliegendste auch das beste: seinem Anliegen Stimme und Gesicht zu geben und dorthin zu gehen, wo gerade Hilfe benötigt wird – zum Beispiel in die Flüchtlingsheime. Eine Online-Petition zum Bleiberecht für Asylbewerber kann man später immer noch unterschreiben.

 
 

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