Shakespeares "Sturm" mit Taliban in Oberhausen

„Der Sturm“ in Oberhausen
„Der Sturm“ in Oberhausen
Dialog-Donnerwetter, Platzpatronen-Hagel und Discogewummer: Tilman Knabe inszeniert den Klassiker in Oberhausen als postkolonialen Endkampf. Der Westen bekommt die Quittung dafür, dass er seine Konflikte jahrzehntelang in der Dritten Welt austrug und nun mit deren Ausgeburten konfrontiert wird.

Oberhausen.. Heiner Müller hat vor Jahrzehnten schon Shakespeares Dramen als Kampf zwischen Erster und Dritter Welt gedeutet. Da reicht es heute nicht mehr aus, den „Sturm“ als postkoloniales Märchenspiel um Macht und Liebe zu inszenieren, mit einem weisen Zauberer, eilfertigen Luftgeistern und Liebenden, die nicht wissen, wie ihnen geschieht.

In Tilman Knabes mit reichlich Dialog-Donnerwetter und Platzpatronen-Hagel dahinbrausendem „Sturm“ in Oberhausen bekommt der Westen die Quittung dafür, dass er seine Konflikte und Machtspiele jahrzehntelang auf ferne Kontinente, fremde Schultern verlagert hat – bis man merkt, welch hochgerüstete, hochgefährliche Machtmonster man unter den vermeintlichen Hinterwäldlern herangezogen hat.

Der gelehrte, von seinem Bruder Antonio vor langer Zeit aus Mailand auf eine einsame Insel abgeschobene Pros­pero ist in Gestalt von Jürgen Sarkiss ein furchteinflößender Shakespeare-Taliban mit Zottelbart und Elektroschocker, der nach Jahren der Verbannung mit seinen Widersachern abrechnet.

Kaum hat Prospero in seiner modernen Kommandozentrale die Operation Rache-Sturm auf Videoleinwand verfolgt, tänzelt auch schon der erste Schiffbrüchige die Stufen dieses Dschungelcamps hinunter: Ferdinand (Martin Hohner) wird sicherheitshalber erst einmal ins Knie geschossen, bevor er sich als Traumprinz der schönen Prospero-Tochter Miranda (lieblich-blass: Angela Falkenhan) bewähren kann.

Kaspar Zwimpfer hat eine imposante Favela auf die Bühne gewuchtet, voller Hinterzimmer und Verschläge. Der Sklave Caliban, von Thorsten Bauer als Arbeitstier vom Bau angelegt, schleppt unaufhörlich Benzinkanister umher. Während Susanne Burkhards Ariel auf Pumps problemlos als guter Geist jeder Vorstandsetage durchgehen würde.

Klaus Zwick (Stefano) und Henry Meyer (Trincolo) als versoffene, dumpf-gefährliche Underdogs mit Baseballschlägern unterstreichen die eher handfeste Heiterkeit der Inszenierung. Alles Zarte, Zaubrische hat zwischen Discogewummer und Knalleffekten keine Chancen. Vor der Vorstellung deshalb die Durchsage: „Hörgeräte leiser stellen !“

Der Preis der Freiheit

Und doch geht Knabes schlüssiges Spiel um Macht und Ohnmacht, um Gewalt, die Gewalt sät, im Getöse nicht ganz unter. Pardon wird nicht gegeben – wer seinen Kopf aus der Schlinge zieht, tut das auf Kosten des nächsten. Freiheit, das ist hier der Tod des anderen. Der Sturm, den Tilman Knabe in Oberhausen aufziehen lässt, wird sich so schnell nicht legen.
Weitere Vorstellung: 2. und 3. März, jeweils 19.30 Uhr.

 
 

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