Shakespeare unter Starkstrom

Dimitrij Schaad trägt als Hamlet den gesamten Abend.
Dimitrij Schaad trägt als Hamlet den gesamten Abend.
Foto: Diana Küster
Im Bett mit der Mutter: Der Pole Jan Klata macht in Bochum aus dem „Hamlet“ ein lärmendes Ideentheater. Sein Protagonist ist Border-Liner zwischen aufsässigem Furor und verzweifelter Melancholie. Es entsteht eine dreistündige Zeichenflut, die man zu deuten wissen muss, um Spaß an ihr zu haben.

Bochum.. „Hamlet“ zählt zu den am meisten gespielten und am gründlichsten durchleuchteten Geschichten des Theaters. Das Shakespeare-Drama ist längst durch und durch analysiert. Auf exakt dieser Annahme fußt der Regie-Ansatz von Jan Klata, der den Klassiker jetzt am Schauspielhaus Bochum inszenierte: „Hamlet“ als ein Zitieren und Reflektieren darüber, was „Hamlet“ im Stück ist und in der Aufführungsgeschichte war.

Das sieht auf der Bühne so aus, dass man das altbekannte Drama zunächst kaum wiedererkennt. Der zaudernde Dänenprinz, der am Ende doch zum Rächer wird, wird nicht psychologisch modelliert, sondern dient als Projektionsfläche für Gefühlsausbrüche und die berühmten philosophierenden Dialoge. Dimitrij Schaad spielt die Titelrolle als Border-Liner zwischen aufsässigem Furor und verzweifelter Melancholie und ist zu jedem Moment in seiner Rolle präsent, er trägt den ganzen Abend.

Regisseur Klata ist um skurrile Einfälle nicht verlegen

So, wie Jan Klata in Bochum bereits Kafkas „Amerika“ und Schillers „Räuber“ zerpflückt und neu zusammengepuzzelt hatte, war klar, dass er auch „Hamlet“ nicht mit dem Weichzeichner betrachten würde. Tatsächlich erlebte das mal entsetzte, mal erheiterte Publikum einen Starkstrom-Shakespeare, einen grellen, überrumpelnden Mix aus Aktion, Lautstärke und grotesken Momenten, der oft an die Schmerzgrenze und meist darüber hinaus geht.

Der Lärmpegel ist konstant hoch, Schockeffekte sind Programm: Da wird die Schauspielszene zur ekeligen Performance, bei der sich die Akteure mit Theaterfarbe einsudeln, da wird Hamlet inzestuös mit seiner Mutter vorgeführt, Spiegelwände reflektieren die Seelenklüfte der Figuren, gleichzeitig blickt das Publikum sich selbst ins Gesicht. Die Zitatenkiste wird hemmungslos geplündert, vom Mantel, den Ulrich Wildgruber in der legendären Bochumer Zadek-Inszenierung von 1977 trug, bis zum Totenschädel, der dem berühmten Diamantenschädel von Damien Hirst nachempfunden ist.

Man staunt über diese offenbar nie versiegende Zeichenhaftigkeit, aber wer die Zeichen nicht zu deuten weiß, den überrollen sie einfach. Diese Inszenierung ist wie ein stotternder Funkverkehr; nachvollziehbar, aber immer wieder zerrissen. Dennoch ist es starkes Theater, drei Stunden Spielzeit fallen etwas zu üppig aus, aber die Aufführung hält ihr Tempo, und um Einfälle ist Klata wahrlich nicht verlegen. Das konzentriert aufspielende Ensemble kreiert durchweg eine düstere Poesie der Angst, die den ganzen Abend prägt.

  • Termine: 15., 22., 31. März. Karten: 0234 / 3333 5555
 
 

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