Seit zehn Jahren berät der "Rat für die deutsche Rechtschreibung"

Jens Dirksen
Das Erlernen der Rechtschreibung ist durch die Reform nicht einfacher geworden. Unerlässlich beim Aneignen der Orthografie bleibt auch heute: üben, üben, üben.
Das Erlernen der Rechtschreibung ist durch die Reform nicht einfacher geworden. Unerlässlich beim Aneignen der Orthografie bleibt auch heute: üben, üben, üben.
Foto: Frank Rumpenhorst
Von „leid tun“ über „Leid tun“ zu „leidtun“: Vor zehn Jahren brachte die 37-köpfige Orthografie-Instanz Frieden auf einem kriegsartig umkämpften Feld.

Essen. Auf den Tag genau zehn Jahre gibt es nun den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mit Geschäftsstelle in Mannheim, getagt wird zwei Mal im Jahr. Die lapidaren Fakten klammern indes die segensreiche Wirkung aus, die der Rechtschreib-Rat entfaltete: Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mit 37 Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Belgien und Liechtenstein befriedete einen Kriegsschauplatz, auf dem es fast ein Jahrzehnt lang immer häufiger zu immer erbitterteren Schlachten gekommen war.

Es begann 1996, als die Regeln und Wortlisten für die Rechtschreibreform öffentlich wurden, die zwei Jahre später eingeführt und 2005 dann endgültig in Kraft treten sollte. Von radikalen Reformgedanken aus den 70er-Jahren wie der Kleinschreibung hatte man sich da längst verabschiedet. Und doch stießen die Neuregelungen auf eine breite Ablehnung. Hunderte von Autoren unterschrieben auf der Frankfurter Buchmesse einen Appell zum Reform-Stopp.

Die Gegner zogen bis vors Bundesverfassungsgericht, doch das erklärte die Reform für rechtmäßig. In Schleswig-Holstein führten Reformgegner im Herbst 1998 einen Volksentscheid herbei, der die Wiedereinführung der alten Schreibung brachte; ein Jahr später hob der Kieler Landtag diesen Beschluss wieder auf.

Normierung ist schwierig

Die Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern der Reform tobten unablässig bis ins Jahr 2006. Manche Zeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine“ und der Springer-Konzern kehrten zwischen 2000 und 2004 zur alten Schreibung von 1996 zurück. Und erst 2006 wurde mit der vom Rechtschreib-Rat erarbeiteten dritten Reformreform der Orthografie-Friede wieder hergestellt.

Jenseits von blankem Konservatismus und orthografischer Besitzstandswahrung wiesen Kritiker wie der Erlanger Sprachprofessor Theodor Ickler auf diverse logische Schwächen der Reform hin. Deren Veränderung bestand freilich zu 92 Prozent aus der Ersetzung des scharfen „ß“ durch ein „ss“ – eine Regel, die bis heute auch Kindern keine Schwierigkeiten bereitet. Gerade ihnen sollte die Reform das Erlernen der Rechtschreibung erleichtern.

Dahinter allerdings steckte der entscheidende Irrtum, dass eine Sprache bis in die letzte Einzelheit mit logischen Regeln normiert werden könne. Dies gilt besonders auf dem Feld der Getrennt- und Zusammenschreibung. So wollten die ersten Entwürfe noch eine rigide Getrenntschreibung durchsetzen, etwa für „zusammen fahren“. Hier immerhin haben die vielen Reformüberarbeitungen dazu geführt, dass man Menschen heute wieder zusammenfahren lassen kann, wenn sie hören, dass sie mit anderen zusammen fahren sollen. Das Regelwerk erlaubt oft zwei Schreibweisen, was der Bedeutungsunterscheidung zugute kommt (zu Schulden kommen lassen/zuschulden kommen lassen).

Mehr Zeit zum Üben gefordert

Doch das Erlernen der Rechtschreibung ist durch die Reform nicht leichter geworden. Erhebungen aus den Jahren kurz nach der Reform-Einführung 2006 deuten auf abnehmende Rechtschreib-Leistungen von Schülern hin. Vielleicht resultiert die aus dem Irrglauben, Rechtschreibung könne man durch ein paar Regeln lernen. Dem ist nicht so. Unerlässlich bleiben auch heute beim Aneignen der Orthografie drei Dinge: üben, üben, üben.

Da sieht auch der Rechtschreib-Rat unter seinem langjährigen Vorsitzenden, dem ehemaligen bayrischen Kultusminister Hans Zehetmair ein Manko und fordert „genügend Lern- und Übungszeit für den Erwerb der Orthografie in der Schule“ sowie eine verbesserte Rechtschreib-Ausbildung für Lehrer aller Fächer.