Schriftstellerin Margriet de Moor über die Liebe

Die niederländische Autorin Margriet de Moor.
Die niederländische Autorin Margriet de Moor.
Foto: picture alliance / dpa
„Man braucht Talent für die Liebe“: Margriet de Moor, Grande Dame der niederländischen Literatur, über das große Gefühlsgewitter.

Amsterdam. Mädchenhaft, zart sitzt Margriet de Moor in ihrem Sessel; mit weitem Rock, Rüschenbluse und Strickjacke wirkt die 74-Jährige wie aus der Zeit gefallen oder wie eine, die um die Zeit nichts gibt. Im Amsterdamer Hotel Ambassade sitzt sie mit Blick aufs Grachten-Idyll und gibt Auskunft über ihre Novelle „Schlaflose Nacht“. Das Buch erzählt, wie wenig Wahrnehmung und Wirklichkeit zuweilen zusammengehen. Und das stimmt auch für die Autorin selbst. Ist doch die Literatur, die Margriet de Moor schreibt, alles andere als unschuldig-rüschig.

Eine namenlose Frau, die nachts Kuchen backt, erzählt: von einem Jungen, mit dem sie auf den Grachten Schlittschuh lief, mit dem sie aufs Land zog, den sie heiratete. Ein Junge, mit dem sie ein Bilderbuchleben lebte. Und der sie zur Witwe machte, indem er sich an einem Spätsommerabend im Chicorée-Treibhaus erschoss. Was aber hat ihn getrieben?

Die Novelle könnte leicht ein Buch der Trauer sein, wäre da nicht Margriet de Moors beinahe struppige Art, sich den Klischees zu entziehen. Im Bett der nacht- und nacktbackenden Ich-Erzählerin nämlich liegt ein Mann, den sie am Mittag erst getroffen hat, das macht sie immer so, sucht sich Liebhaber über eine Anzeige: „Eintagsvertraulichkeit. Zwanglose Freude.“ Warum dieser eine Eintagsmann vielleicht doch anders ist als die anderen? Ihre Antworten tupft Margriet de Moor in diesem Büchlein beiläufig dahin.

Musik und Kunst...

„Die Liebe ist eine Gegebenheit, so wie das Wetter eine ist – sehr kapriziös, sehr wechselhaft“, sagt de Moor. Im gefeierten Roman „Melodie d’Amour“ kommt sie als Unwetter daher, in vielen anderen Werken (wie etwa ihrem preisgekrönten Debüt „Erst grau dann weiß dann blau“) geht es um die Abwesenheit des Geliebten – die aber doch nicht gleichzusetzen ist mit der Abwesenheit der Liebe.

Einst hat Margriet de Moor Kunst und Musik studiert, was ihrem Werk anzumerken ist, nicht nur in starken Bildern und melodischen Sätzen: Der Roman „Kreutzersonate“ spielt auf Janacek ebenso an wie auf Tolstoi, „Der Maler und das Mädchen“ nähert sich Rembrandt, „Der Virtuose“ bringt uns die Sopranisten des Belcanto näher. Wie aber fand Margriet de Moor überhaupt zum Schreiben? „Zufall“, sagt sie knapp und holt dann tief Luft: „Mein Mann und ich betrieben damals einen Künstlersalon“ – das war Ende der 80er-Jahre und Margriet de Moor drehte Künstlerfilme. Bis die Förderung des Kulturministeriums ausblieb. „Ich erinnere mich, dass ich an einem Montagmorgen zu Hause stand, die Kinder waren in der Schule, mein Mann im Atelier. Ich dachte: Was soll ich nun machen? Ich nahm Papier und einen Füller und setzte mich auf einen schiefen Stuhl in ei­nem ungenutzten Zimmer. Mein Ziel war, in einer Woche eine Erzählung von zehn Seiten zu schreiben. Das ist über 25 Jahre her. Seither habe ich nie wieder aufgehört zu schreiben, auch nicht in den Ferien, nie.“

...und der Triumph der Literatur

Warum Literatur? Das Material der Literatur, anders als das von Malerei und Musik, entstammt dem Alltag. Und gerade in der „Doppelsinnigkeit der Wörter“, sagt de Moor mit nur leichtem holländischen Akzent, liege die große Herausforderung.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert schreibt de Moor nun darüber, was Menschen füreinander sein können. Wie ist das, wenn sie auf die jüngere Generation schaut: Sind Beziehungen heute beiläufiger, unverbindlicher? „Irgendwie ist etwas dran. Kennen Sie Spotify?“, fragt die Grande Dame der niederländischen Literatur mit Kennermiene: „Da kann man jede Musik wählen, die man will. Diese Mentalität, dass alles zur Verfügung steht – mir würde es wie eine Krankheit scheinen, wenn man so auch mit der Liebe umgeht.“ Denn selbst wenn die Liebe sich den Erklärungen verwehrt, meint sie doch: „Man braucht auch ein Talent dafür, um die Liebe wirklich zu leben und nicht nur für einen kurzen Moment zu genießen.“

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht. Hanser, 128 S., 16 Euro

 
 

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