Schnitzeljagd im Waschsalon

Wolfgang Platzeck
„Anarchie in Ruhrstadt“: ein Oberhausener Element des Projektes „Die 54. Stadt“
„Anarchie in Ruhrstadt“: ein Oberhausener Element des Projektes „Die 54. Stadt“
Foto: Stephan Glagla
Furioses Projekt: Das reine Abenteuer der Anarchie war die Theatertour„Die 54. Stadt“. Am Wochenende gingen viele begeisterte Zuschauer mit.

„Eine Welt, in der Träume Wirklichkeit werden, kann die schlimmste Welt sein“, erinnert sich eine junge Frau an die Warnung ihrer Großmutter. Der schlimmste Fall ist eingetreten, aus dem Traum ist ein Alptraum geworden. Die Ruhrstadt des Jahres 2044 versinkt im Chaos.

Vor 30 Jahren, so erzählt die furiose Theater-Tour „Die 54. Stadt“, die vier Künstlerkollektive als Gemeinschaftsprojekt von Ringlokschuppen Mülheim und Urbane Künste Ruhr nach Motiven aus Jörg Albrechts Roman „Anarchie im Ruhrgebiet“ entwickelt haben, übernahmen Künstler um den späteren Präsidenten Albertz die Macht. Aus 53 Kommunen wurde eine Megacity, in jedem „Stadtteil“ siedelte eine kreative Szene an. Filmemacher in Essen, Schriftsteller in Wesel, bildende Künstler in Hagen, Transsexuelle in Oberhausen…

Sechs Stunden Kunst

Das Projekt ist gescheitert, die Kreativutopie schon früh zum „kultursozialistischen Wahnsinn“ verkommen. Auf der Strecke geblieben sind „periphere“ Aspekte wie Menschlichkeit, Gemeinsamkeit, soziale Gerechtigkeit, ein moralisches Wertesystem…

Die am Wochenende dreimal veranstaltete über sechsstündige Theater-Tour, die jeweils 300 begeisterte Teilnehmer in einen Kriegszustand versetzte, begann im Ringlokschuppen mit der Gruppe „Kainkollektiv“: In einer begehbaren Installation mit Projektionen und Live-Videos lassen zwei Trümmerfrauen, flankiert von Musikern, Soundkünstlern und Chören, die Ereignisse Revue passieren, beschwören sie jene „Bruchstücke, an denen sich die Erinnerung andauernd schneidet“. Schon hier, bei diesem bild- und klanggewaltigen Happening, ist der Zuschauer Mitwirkender. Zum Hauptdarsteller wird er auf der nächsten Etappe. Während ein Teil der Zuschauer sich der Gruppe „Ligna“ anschließt und bei einem Rundgang durch Mülheim unter anderem das Rathaus „sprengt“, schickt „Invisible Playground“ die zweite Gruppe auf eine Schnitzeljagd durch Oberhausen. Fünfergruppen, die stets vor marodierenden Rockern und „Bankstern“ auf der Hut sein müssen, sollen in 90 Minuten möglichst viele „Schutzzonen“ ansteuern (Privatwohnungen, Waschsalons, Bars, Einzelhandelsgeschäfte….).

Finaler Kampf in der Donnerkuppel

Die skurrilen Aufgaben, die dort im Anarcho-Kollektiv zu erfüllen sind, dienen einem Ziel: der Rettung der 5 Säulen der Demokratie. Es sind die „peripheren“, gern als bürgerlich abgetanen Werte und Verhaltensweisen, die plötzlich wieder von Bedeutung sind.

Nach einer Erholungs- und Essenspause vor dem Schauspielhaus (dort ist inzwischen auch die Ligna-Fraktion eingetroffen) geht es ins Theater. Hier soll, moderiert von drei Transen, der finale „Kampf in der Donnerkuppel“ zwischen Rick Rockatansky und Julieta Morgenroth (Symbolfiguren für das westliche und östliche Revier) stattfinden. Die Handwerker hatten sich einst in der zerfallenden Metropole gesucht; vor dem Kampf wird ihre Suche noch einmal rekapituliert. Trotz der Hochglanzbilder, der starken Projektionen und Licht-Installationen und trotz des prächtigen Schauspieler-Ensembles (mit einem wieder einmal großartigen Hartmut Stanke als resignierendem Ex-Präsidenten Albertz) fällt dieser Teil gegen die ersten Stationen ab.

Mehr Distanz wäre geboten

Die Inszenierung von „Copy & Waste“ offenbart in ihrer Dialoglastigkeit, in ihrem Übermaß an unsinnlichen Fakten und Theorien jene Mängel, die auch die Lektüre des Romans zu einem eingeschränkten Vergnügen machen. Man hätte „Copy & Waste“-Mitbegründer Albrecht etwas mehr Distanz zum Text des Autors Albrecht gewünscht.