Schloss Nordkirchen – das westfälische Versailles

Hohe Gartenbaukunst in Westfalen: das Schloss Nordkirchen.
Hohe Gartenbaukunst in Westfalen: das Schloss Nordkirchen.
Foto: Hans Blossey
Andre Lé Nôtre, Hofgärtner Ludwigs XIV., formte die französische Gartenkunst und machte sie weltberühmt. Außergewöhnliche Beispiele dieser Kunst liegen auch auf NRW-Territorium. Man kann sie im Park von Schloss Nordkirchen bewundern.

Nordkirchen.. 2013 ist nicht nur Wagner- und Verdijahr, auch ein Mann der Gartenbaukunst wird gefeiert: Zum 400. Mal jährt sich der Geburtstag von Andre Lé Nôtre, dem Hofgärtner Ludwigs XIV., dessen Anlagen Macht und Größe des Sonnenkönigs in aller Welt verkündeten. Die Gärten von Versailles haben in ganz Europa Schule gemacht, von Wien bis St. Petersburg. Bis heute prägen streng geschnittene Buchsbaum-Hecken und -Bodenornamente ebenso wie landschaftlich ausgreifende Sichtachsen und Spiegelbecken unser Bild von Gärten, wie sie aus fürstlich-absolutistischen Zeiten überkommen sind.

Außergewöhnliche Beispiele dieser Kunst liegen auch auf NRW-Territorium. Während man im niederrheinischen Kleve das seltene Beispiel einer Anlage findet, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht und eher an Holland und Italien erinnert, demonstrieren der Schlossgarten von Brühl am Rhein und der von Nordkirchen in Westfalen die französische Manier.

Fragen über Fragen zum Weltkulturerbe

Wer genau das Parterre für das heutige Weltkulturerbe in Brühl entworfen hat, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob Nordkirchen nicht doch in erster Linie eine Nachahmung des holländischen Schlosses Het Loo ist. Für die meisten Besucher aber ist die Frage entschieden, seit sich der Name „Westfälisches Versail­les“ eingebürgert hat. In jedem Fall demonstriert der von Gräften wie auf dem Präsentierteller drapierte Parterregarten die alte gärtnerische Tradition der Broderien, jener wie gestickt wirkenden Muster aus Buchs und Kies, deren Vorbilder man aus Frankreich kannte.

AnsichtenNordkirchen zeigt jedoch auch, in welch hohem Maße die flüchtige Gartenkunst dem Wechsel der Moden und Ideologien unterworfen ist. Ein erster Barockgarten im „holländischen Stil“, den der Münster‘sche Fürstbischof Friedrich von Plettenberg-Lenhausen anlegen ließ, existierte bereits um 1700. Für dessen Nachfolger erweiterte der westfälische Architekt Johann Conrad Schlaun den Park später im französischen Stil, legte auch die Grundstruktur des bis heute bestehenden Wasserparterres an.

Rund hundert Jahre später wurde die ganze Anlage vom Hofgärtner Maximilian Friedrich Weyhe mit Schlängelwegen, Teichen und Bächen kleinen Flussläufen in einen Landschaftspark englischer Art verwandelt. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte unter dem neuen Eigentümer Herzog Engelbert von Arenberg die neu-barocke Revision. Architekt war ein aus Paris berufener Experte für derartige Aufgaben, Achille Duchéne mit Namen, der um 1900 eine große Zahl inzwischen im Besitz der französischen Finanzelite befindlicher Gärten in den klassischen Zustand der Zeit von Le Nôtre zurückversetzte.

Gärten als Spiegel der Epochen

In Nordkirchen jedoch blieb die Geschichte auch des 20. Jahrhunderts wechselhaft. Nach dem Ersten Weltkrieg folgten Jahre des Verfalls. In der NS-Zeit diente das Schloss als Ausbildungsstätte der NSDAP; nach dem Krieg soll auf dem Parterre vor allem Mais gestanden haben, aus dem die alten barocken Statuen herausragten. Und schließlich dachte man sich in den 1970er-Jahren nichts dabei, neben dem Garten den modernistischen Flachbau einer Mensa für die inzwischen im Schloss eingerichtete Fachhochschule für Finanzen zu errichten. Erst in den 1980er-Jahren erfolgte eine Rückbesinnung, als man der Denkmalschönheit mit einer exakten und gelungenen Rekonstruktion des barocken Gartens zu ihrem Recht verhalf. Wie man sieht: Gärten sind leicht verwandelbare Objekte der Ambitionen der jeweiligen Epochen.

Der Park von Nordkirchen ist ganzjährig zugänglich. Am Sonntag gibt es eine Führung zu den Gartenanlagen (13 Uhr, Schlosskapelle im Innenhof) und einen Vortrag des Landschaftsarchitekten Achim Röthig über sein Denkmalkonzept für den Westgarten des Schlossparks (15 Uhr, im „Gelben Salon“) – kostenlos.

Buch: Stefan Schweizer: André Lé Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst. Wagenbach, 144 S., 15,90 €.

Ausstellung: Düsseldorf, Schloss Benrath: „Illusion und Imagination“, André Lé Nôtres Gärten im Spiegel barocker Druckgraphik, 5.9.-17.11.2013

 
 

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