Schillers wüste Terror-Truppe

Udo Wachtveitl als Terrorist „Trotzki“ in „Aufstand" von Albert Ostermeier bei den Ruhrfestspielen. Foto: Ruhrfestspiele
Udo Wachtveitl als Terrorist „Trotzki“ in „Aufstand" von Albert Ostermeier bei den Ruhrfestspielen. Foto: Ruhrfestspiele
Foto: Birgit Hupfeld/Ruhrfestspiele

Recklinghausen. Im ersten Berufsleben als Kommissar Leitmayr würde Udo Wachtveitl mit dieser Bühnen-Guerilla wohl nicht lange fackeln. Verhaftungs-Gründe zuhauf: Anstiftung zu einer terroristischen Straftat, Widerstand gegen die Staatsgewalt und was das Strafgesetzbuch noch so hergibt. Aber aus Leitmayr ist in Recklinghausen Trotzki geworden. Ein revolutionärer Geist, der auch in Albert Ostermaiers neuem Revoltedrama „Aufstand“ nicht ganz aus seiner Rolle kann. Er ist V-Mann für die Polizei, die lieber Proust liest statt Ermittlungsakten.

Das Auftragswerk für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, von Festspielleiter Frank Hoffmann artiger als der Stoff erlaubt in Szene gesetzt, erzählt von einer radikalisierten Gesellschaft, die das System nicht mehr verändern, nur noch sabotieren will. Als Stichwortgeber des anarchistischen Unbehagens treten die fünf „Unsichtbaren“ auf, die sich in einem Rathaus verschanzt haben – während ihre zwei „Verfolger“ die Schlinge immer enger ziehen.

Ostermaier, berühmt dafür, das kulturkritische Klagelied der Gegenwart mit dem me­lancholischen Sound des Pop-Poeten zu ummanteln, stimmt auch hier ein polyphones Ganzes aus Quellen und Querverweisen, aus Zitaten und Schlagwörtern an.

„Die Zündschnüre sind wie ein Netz durchs Land gespannt“

Vor allem Schiller steht aber Pate, den die Ruhrfestspiele ja in die Gegenwart holen wollen. „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt“, heißt es ja schon in den „Räubern“. Um persönliche und politische Freiheiten geht es auch im „Aufstand“, um eine Gesellschaft im aktiven Widerstand, wie sie in der 2007 erschienenen Internet-Kampfschrift „Der kommende Aufstand“ beschrieben ist, die Ostermaier eingearbeitet hat. Das Pamphlet, in Foren und Feuilletons als Begleittext zu den Ausschreitungen in den Banlieus von Paris gelesen, beschreibt das, was nach dem „Wutbürger“ kommt. Er malt keine Plakate mehr und kettet sich an Bäume, er ist für Bewaffnung und bellt unter seiner Strumpfmaske Drohbotschaften aufs Band. „Die Städte brennen, die Zündschnüre sind wie ein Netz durchs Land gespannt.“

Aber wenn er sich nicht gerade um griffige Formulierungen zankt, dann lässt er sich treiben von sentimentalen Kindheits-Erinnerungen und sexuellen Trieben. Die literarische „Ausweitung der Kampfzone“, sie liest sich auch bei Ostermaier wie ein schwüles Gemisch aus Politik und Privatem, Erotik und Rebellion, Gefühlen und Gefasel.

Das fabelhafte Ensemble begegnet Ostermaiers ebenso ambitionierter wie anstrengender Überwältigungs-Dramatik dabei mit schöner Gelassenheit, die auch mal ei­nen schnoddrigen Witz zu­lässt, eine ironische Brechung des Parolen-Pathos. Vor allem der großartige Wolfram Koch schillert als ambivalenter Gruppen-Anführer Charles zwischen fiebriger Wut und eisiger Arroganz, zwischen Leidenschaft und Zynismus.

So cool und wahnsinnsradikal kommt nicht jede Figur daher. Wachtveitls Trotzki bleibt ein kontrollierter Revolte-Schlaks mit Schuldgefühlen. Jacqueline Macaulays Terror-Liebchen April hat Herz und Kampfgeist, Courage und Sexappeal.

Das Publikum sitzt an langen Tischreihen

Gespielt wird, wie im Stück vorgegeben, im Ratssaal – des Recklinghäuser Rathauses. Zwischen holzvertäfelten Wän­den und der mit Plastikplanen verhängten Ahnengalerie sitzt das Publikum an langen Tischreihen. Das ist als Inszenierungs-Coup gedacht, verengt aber buchstäblich den Spielraum für dieses komplex verschachtelte Revoluzzerdrama, dem nicht nur wegen des zunehmend stickigen Klimas allmählich die Luft ausgeht, auch wenn zum Schluss noch einmal Parolen und Platzpatronen fliegen.

Über zwei Stunden dauert die Tour de Force, der man bei allen Revolte-Reden für die Zukunft ein wenig mehr Radikalität im Zugriff wünscht.

 
 

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