Schillers „Maria Stuart“ in Essen an Mode-Mätzchen verraten

Szene aus „Maria Stuart“: Stephanie Schönfeld (Elisabeth), Axel Holst und Thomas Meczele führen Regie an der Giftspritzen-Maschine.
Szene aus „Maria Stuart“: Stephanie Schönfeld (Elisabeth), Axel Holst und Thomas Meczele führen Regie an der Giftspritzen-Maschine.
Foto: Birgit Hupfeld
Primitive Schock-Effekte statt starker Tragödie: In Essen inszeniert Anna Bergmann Schillers „Maria Stuart“. Der Text wird nach Gutdünken auseinandergebaut.

Essen. Von Schiller können Künstler bis heute viel lernen. Etwa über die Ökonomie des Grauens: Wenn er seine „Maria Stuart“ zum Richtblock führt, ist nichts davon sichtbar. Und doch zeigt Schiller alles: In den Monologen ihrer Rivalin Elisabeth und des janusköpfigen Lord Leicester kreist ein bildhafter Mahlstrom um Hass, Erlösung, Unrettbarkeit. Das ist in der Substanz ungleich verheerender als der Bühnenzirkus einer Hinrichtung.

Aber es regiert in Essen eine Regie, die es besser weiß. Zu sehen in Anna Bergmanns „Maria Stuart“ am Grillo-Theater. Wozu auch Imagination, wenn man den Maschinenpark einer Tötung per Giftspritze auf der Bühne haben kann? Dazu Lady Maria im orangefarbenen Overall eines Todeskandidaten aus Florida. Und natürlich eine gewalttätig aufdringliche Videoprojektion, die das zähe Gurgeln und Röcheln in extenso kultiviert. Es herrscht sehr wenig Vertrauen in dieses Stück.

Zwei Frauen, an der Spitze die eine, im Kerker die andere, beide gegebenenfalls furienfähig, umgeben von einem unberechenbaren Hof aus zielstrebigen und doch weitgehend labilen Männern – und die präzise Darstellung der Unmöglichkeit eines moralisch sauberen Staatswesens (vielfach gültig bis heute): All das bietet Schillers „Maria Stuart“. Aus der Chance, Machtmechanik unterm Brennglas zu bestaunen, macht die Regie: eine beklemmend ziellose Farce.

Stummfilm-Parodie

Dabei hegt man anfangs noch Hoffnung, als Bergmann sich der langen Einführung nicht ohne Witz entledigt: In einer Stummfilm-Parodie samt Windmaschine spult sie in Zeitraffer und Übertiteln ein „Was bisher geschah“ ab.

Doch dann rollt zwischen Florian Ettis schwarzglänzenden, monumental kreisenden Bühnenriegeln jene maßlose Verhackstückung auf Schiller zu, deren Dramaturgie (Jana Zipse) übel manipulativ arbeitet. Um das Finale gen Hollywood zu verkitschen, zerreißt man das berühmte Treffen in Fotheringhay – und pflanzt Marias letzte Bitten um Gnade ans Ende, den Ort ihrer Hinrichtung.

Performance-Krümel

Die üblichen Performance-Krümel, die diesen Abend nicht würzen (Pop-Songs etc.) sind so wenig nachhaltig wie Bergmanns Bemühungen, den Stoff mit Kampfsport oder Sex aufzuladen. Elisabeth schätzt es, durch Leicester von hinten versohlt zu werden, Mortimer vergewaltigt Maria. Und natürlich steigt irgendwann jeder aus seiner Figur aus („Seit den 70er-Jahren wird meine Rolle . . .“).

Wozu Janina Sachau (Maria) und Stephanie Schönfeld (Elisabeth) es unter anderer Deutungshoheit gebracht hätten, bleibt Spekulation. Hier muss die eine auf Knopfdruck posieren, die andere pflegt inflationär ihren Neurosengarten. Thomas Meczele verschenkt die Traumrolle des Leicester nicht zuletzt sprachlich ans öde Reich der Unschärfe. Immerhin Philipp Noacks Mortimer fällt auf – durch Energie, starke Präsenz und etwas, das dem Abend ansonsten schmerzlich fehlt: Glaubwürdigkeit.

 
 

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