Schauspiel Essen: Krieg der Herzen, Krieg der Seelen

Axel Holst und Marieke Kregel in der Inszenierung "Verbrennungen".
Axel Holst und Marieke Kregel in der Inszenierung "Verbrennungen".
Foto: Birgit Hupfeld
Das Essener Schauspiel legt eine durch und durch politische Saison hin: Premierendoppel mit Mouawads „Verbrennungen“ und Jelineks „Wolken.Heim“.

Essen. „Viel Spaß“ hat vor Jahren mal über dem Eingang des Bochumer Schauspielhauses gestanden. Über dem Grillo-Theater steht nun „Keine Bühne für Rassismus“. Am Schauspiel Essen meint man es so ernst mit der politischen Auseinandersetzung und Analyse wie an kaum einem anderen Theater der Region. Nach Volker Löschs Odyssee-Anleihe als Resonanzraum für das Schicksal der Sinti und Roma und Ernst Tollers Erste-Weltkrieg-Biografie gab es am Wochenende mit Elfriede Jelinek und einem Nahost-Drama schwergewichtiges Theaterfutter im Doppelpack.

Mit „Verbrennungen“, dessen Verfilmung 2011 ins Oscar-Rennen ging, hat der im Libanon geborene Autor Wajdi Mouawad ein Stück von fast antikem Ausmaß geschrieben, das in der Regie von Martin Schulze ganz ohne Pathos und Wehklagen, ohne Blut und konkrete politische Anspielungen daherkommt und doch tief nachwirkt. Daniel Roskamps Bühne zeigt zunächst nur einen langen, weißen Verhandlungstisch, an dem acht Schauspieler sitzen. Der Prozess ist der Anfang einer komplexen Enthüllungsgeschichte. Nawal, die ihre einstigen Folterschergen als „die Frau, die singt“, kennen, schweigt für immer, nachdem sie ihrem Peiniger vor Gericht begegnet ist. Seine grausame Identität herauszufinden, wird zum detektivischen Vermächtnis für ihre Zwillinge Jeanne und Simon, die sich nach Nawals Tod eher widerwillig auf den Weg in die arabische Heimat ihrer Mutter machen. Sie stoßen auf die Geschichte einer jungen Frau, die der Ausweglosigkeit, dem Hass und der Kette von Gewalt zuerst mit Bildung begegnen will, sich dann aber radikalisiert, selber zur Mörderin wird – und Opfer unmenschlicher Folterqualen.

Nico Link wird zum großen Retter des Abends

In der klug ausgekühlten Inszenierung von Martin Schulze behalten Worte die Oberhand. Erst spät weitet sich die Bühne, flirren Videobilder aus Nahost im schwarzen Ascheregen, nur die von der Decke baumelnde Zeder ist ein Hinweis auf den Libanon, Heimat des Autors. Schulze abstrahiert, ohne dem Stück die Intensität zu rauben. Er fasst die verschachtelte Handlung und unterschiedliche Zeitebenen, in der die Lebenden mit den Toten reden und Opfer ihre zukünftigen Vergewaltiger gebären, in ein streng stilisiertes Konzept; selbst die Schauspieler bilden in ihrem einheitlichen Flanellhosengrau (Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch) eine uniforme Gruppe, Freund wie Feind.

Ines Krug und Stepanie Schönfeld teilen sich die Rolle der Nawal als junge und ältere Frau mit kontrollierter Emphase, Stefanie Rösner gibt fast übermütig die kämpferische Kumpanin Sawda, Nico Link wird zum großen Retter des Abends, er sprang zwei Tage vor der Premiere für den erkrankten Jörg Malchow ein. Thomas Meczele und vor allem Marieke Kregel erzählen mit intensiven Blicken davon, was das schwerste Erbe ist: Der Krieg in den Herzen, der Kampf um die Menschlichkeit. Das Verzeihen bleibt eine vage Hoffnung.

„Wir-o-wir“-Schlachtgesang

Um die Wurzeln des deutschen Wir-Gefühls geht es in Elfriede Jelineks „Wolken.Heim“, dem „Identitäts- und Heimatmonolog“, in dem die Literaturnobelpreisträgerin schon 1988 aufgegriffen hat, was heute in Dresden und anderswo wieder in Pegida-Proteste mündet: Die Ausgrenzung des Fremden, die Selbstbeschwörung völkischer Größe im kollektiven „Wir-o-wir“-Schlachtgesang.

Die beiden Regisseure und Bühnenchorleiter Bernd Freytag und Mark Polscher haben die Textcollage, die aus Gedichtversen, Redepassagen, Kampfansagen von Fichte über Hegel und Heidegger bis zur RAF besteht, neu komponiert und enorm konzentriert in der Casa des Schauspiels zum Klingen gebracht. Ganz pur stellen sie den Chor aus zwölf Laiendarstellern in den Mittelpunkt. Und der leistet Meisterliches in punkto Rhythmus, Choreografie und Artikulation. Das vierköpfige Ensemble mit Silvia Weiskopf, Jan Pröhl, Stefan Diekmann und Sven Seeburg im grünen Jäger-Loden und mit blondem Zopf entwickelt immer wieder kurze szenische Momente. Und erlaubt sich auch mal eine kleine satirische Überzeichnung, wenn sich die Suada auf der fast schwarzen Bühne mit dem Arkadenbogen mal wieder in Blut-und-Boden-Versatzstücken ergeht und der Kuckuck dahin ruft, wo die deutsche Seele zu Hause ist: in den Wald. „Wir“ ruft der Text immerzu und zeigt, wie aus idealistischer Verblendung und ideologischem Gedankengut über die Jahrhunderte jene rhetorischen Brandsätze wurden, die bis heute zünden.

 
 

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