Sarah Kuttner und diese ganze „Kaputtness“

Britta Heidemann
Sarah Kuttner
Sarah Kuttner
Foto: imago stock&people
Sarah Kuttners neuer Roman „180° Meer“ lässt ein Scheidungskind leiden und erzählt vom zutiefst weiblichen Gefühl, eine Mogelpackung zu sein.

Das Jahr 2009 war das Jahr, in dem Fußballer Robert Enke sich das Leben nahm. Es war auch das Jahr, in dem Ex-Viva-Moderatorin Sarah Kuttner in ihrem Autorendebüt eine schwer depressive junge Frau zur Romanheldin machte: „Mängelexemplar“ wurde zum Buch der Stunde, es riss in schnoddriger, unverstellter Sprache noch den letzten Schleier des Tabus – und verkaufte sich 600 000 Mal.

Jetzt ist Kuttner wieder da, mit auch schon 36 Jahren und dem dritten Roman, der – Überraschung! – erneut seine Protagonistin aufs Hefstigste an der Welt leiden lässt. Jule lebt in Berlin und verdient ihr Geld als Soulsängerin in einer Bar, ihren Freund Tim betrügt sie mit Bar-Besitzer André – nicht, weil sie verliebt wäre, einfach so. Als Tim das herausfindet, flieht Jule zu ihrem Bruder Jakob nach London, zum Abstandnehmen und Sichselbstfinden. In England trifft sie ihren von Kindheit an abtrünnigen Vater, der gerade dabei ist, einen Krebstod zu sterben. Jules größtes Problem aber ist ihre Mutter: Monika leidet seit Jahrzehnten an einer Depression und hat einst versucht, sich vor ein Taxi zu werfen – mit ihrer kleinen Tochter an der Hand.

Und dann sitzen sie also so da, Jule und ihr jüngerer Bruder Jakob, am Strand von Brighton: Endlich der 180-Grad-Rundumblick (daher der Romantitel!) aufs herrlich graue Meer, aufgehübscht von der wunderbaren „Kaputtness“ einer rostigen Brücke – „diese wunderbare, düstere Aussichtslosigkeit“.

Ein echter Kuttner also, ein Schwarz in allen Schattierungen. Doch das Drama um das Scheidungskind, das mit Nähe nicht klarkommt, kommt auch dem Leser nicht so recht nahe. Ihre Reiseführer-artigen Streifzüge durch London, ihre Annäherung an einen kleinen Pflegehund, ihre Gespräche mit ihrem Vater zeichnet Kuttner getreulich nach, gewürzt mit manch deftigem Ausdruck.

Dabei hätte die Figur der Jule, so wie Kuttner sie entwirft, durchaus dazu dienlich sein können, ein häufiges Problem auszuloten: die zutiefst weibliche Sorge, nicht zu genügen, eine Mogelpackung zu sein. „Ich bin kein schöner Mensch“, so lautet der erste Satz – Jules Haar, diese exotische dunkle Lockenmähne, umrahmt ein vollkommen durchschnittliches europäisches Gesicht. Und das ganze Gefühl, das sie in ihre Soul-Songs legt, ist auch nur gespielt.

Kein Tiefgang im Tränenmeer

Hier wäre man gerne mit Tiefgang ins Tränenmeer abgetaucht, auch ins graue. Kuttner aber bleibt (der Vergleich mit ihrer Heldin liegt leider nahe) an der Oberfläche, verliert sich in pittoresk kaputten Schauplätzen und Familienzwistigkeiten. Schade.

Sarah Kuttner: 180° Meer. S. Fischer, 272 S., 18,99 €. Hörbuch, gelesen von der Autorin: Argon Verlag, 19,95 €
Lesungen: 27.2., Gloria-Theater Köln. 28.2. Zakk Düsseldorf