Russische Pop-Omas sind bei ESC die Geheimfavoriten

Die Publikumslieblinge des Eurovision Song Contest in Baku haben es ins Finale geschafft: Beim ersten Halbfinale am Dienstagabend sangen sich die "Pop-Omas" der Buranowski Babuschki mit "Party For Everybody" erwartungsgemäß in die Endrunde. Ausgeschieden ist dagegen der Song von "Mr. Grand Prix" Ralph Siegel für San Marino.

Baku. Sobald sie auftauchen, werden sie belagert: Die Großmütter aus Russland sind die Stars und Publikumslieblinge des Eurovision Song Contest in Baku. Der Einzug der Buranowski Babuschki ins Finale erfolgte am Dienstag erwartungsgemäß. Kurz vor dem Halbfinale am Abend ließ sich das Ensemble noch einmal im Pressezentrum blicken, zahlreiche Fotografen und Kameraleute hängten sich über die dünnen Wände eines oben offenen Interviewräumchens, um ein Bild von den herzigen Seniorinnen in Tracht zu bekommen.

Mit "Party For Everybody" und einem symphathisch-schlichten Auftritt, bei dem am Ende Gebäck aus einem Ofen geholt wird, sangen sich Buranowski Babuschki ins Finale. Auch die schrillen irischen Zwillinge Jedward, die 2011 beim ESC in Düsseldorf achte wurden, sowie die Kandidaten aus Albanien, Dänemark, Griechenland, Island, Moldawien, Rumänien, Ungarn und Zypern werden erneut auf der Bühne der Kristallhalle in der aserbaidschanischen Hauptstadt stehen.

ESC 2012 endet für "Mr. Grand Prix" Ralph Siegel

Für "Mr. Grand Prix" Ralph Siegel endete hingegen der diesjährige Wettbewerb im ersten Halbfinale. Zum 20. Mal war der Komponist beim Grand Prix dabei. Sängerin Valentina Monetta gehörte mit dem "Social Network Song" jedoch nicht zu den 10 Gewinnern der 18 Halbfinal-Kandidaten. Bei einem Essen mit geladenen Gästen am Sonntagabend in Baku hatte der 66-jährige Siegel gesagt: "Vielleicht ist es der letzte ESC für mich".

Begeisterung über den Finaleinzug herrschte dagegen bei den Gewinnern des ersten Semifinales, die alle gemeinsam auf einer Pressekonferenz nach der Show auftraten. Sängerin Galina Koneva von den Buranowski Babuschki sagte, sie seien in der Halle so warm willkommen geheißen worden, und es sei so laut gewesen, dass sie kaum den Song hätten hören können.

Politik war bei der Pressekonferenz kein Thema. Das könnte am Mittwoch anders werden, wenn die für den ESC zuständige Europäische Rundfunk-Union (EBU) die Medienvertreter informiert. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch etwa kritisierte mit deutlichen Worten die Zurückhaltung der EBU beim Thema Meinungsfreiheit in Aserbaidschan - Menschenrechtler äußerten rund um den ESC scharfe Kritik an Demokratiedefiziten in der ehemaligen Sowjetrepublik.

Friedliche Demonstranten in Baku festgenommen

In der aufwendig illuminierten und eigens für den ESC gebauten Kristalhalle am Kaspischen Meer mit über 20.000 Plätzen war am Dienstagabend ausschließlich Party angesagt. Außerhalb der ESC-Arena gab es in den vergangenen Tagen Proteste in der Stadt, bei denen friedliche Demonstranten festgenommen wurden. Und bei einer neuerlichen Pressekonferenz der Initiative "Sing for Democracy" am Dienstag kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Kritikern der Regierung und Journalisten von regierungstreuen Medien.

Jedward grübeln über Frisur fürs ESC-Finale 

Die irischen ESC-Kandidaten des Duos Jedward sind unschlüssig, mit welcher Frisur sie beim Finale an den Start gehen sollen. "Sollen wir mit hochgestellten oder platten Haaren auftreten?", fragten die eineiigen Zwillinge am Dienstagabend die Journalisten auf der Pressekonferenz nach dem ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest in Baku. Sie hätten sich noch nicht entschieden - die schrillen Sänger ließen jedoch am Schluss eine Präferenz für die Punkfrisur erkennen.

Die Zwillingsbrüder John und Edward Grimes hatten beim ESC in Düsseldorf 2011, wo sie den achten Platz belegt hatten, mit bunten Kostümen und hoch geföhnten Haartollen für Aufsehen gesorgt. Im Halbfinale am Dienstag in Baku trugen sie auch wieder ein Glitzeroutfit, die Haare waren jedoch platt.

Roman Lob singt bei Open-Air-Konzert in Baku 

Kurz vor dem ersten ESC-Halbfinale am Dienstagabend sind die Kandidaten von vier bereits für die Endrunde gesetzten Ländern bei einem Freiluftkonzert in Baku aufgetreten. Schätzungsweise mehr als 1.000 Menschen kamen am Abend zum "Euro Village" in der Innenstadt, um Roman Lob (Deutschland), Nina Zilli (Italien), Anggun (Frankreich) und Pastora Soler (Spanien) anzufeuern. Bei dem Konzert der "Big 5", der größten Geldgeberländer beim Eurovision Song Contest, war der britische Sänger Engelbert Humperdinck nicht dabei.

Die fünf Länder sowie Gastgeber Aserbaidschan sind automatisch für das ESC-Finale am Samstag (26. Mai) qualifiziert. Sein Ziel sei nach wie vor die Top Ten, sagte Roman vor dem Konzert der dapd. "Das wäre super."

Grünen-Politiker Beck fordert politische Haltung von ESC-Teilnehmern 

Die ESC-Kandidaten sollten nach Auffassung des Grünen-Politikers Volker Beck ihre politischen Meinungen über das Gastgeberland Aserbaidschan kundtun. "Ich würde mir wünschen, dass sich die Künstler beim Eurovision Song Contest politisch positionieren", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion am Montag der Nachrichtenagentur dapd. Es sei durchaus möglich, am Rande der Musikveranstaltung seine Ansichten zu vertreten, ohne die Richtlinien zu verletzen.

Die Menschen vor Ort erwarteten diese Form der Unterstützung für ihr Land. Die Lebenssituation der einfachen Menschen in Aserbaidschan habe nichts mit der prunkvollen Fassade des ESC zu tun, sagte Beck. "Ein Künstler muss sich überlegen, ob er, wenn er nichts sagt, nicht vom Regime instrumentalisiert wird. Ohne politisch zu handeln, wäre die Tatsache, dass derjenige nichts gesagt hat, dann eine politische Aussage", sagte Beck weiter.

Eine Form der politischen Haltung wäre etwa, auf einer Feier ein T-Shirt mit den Worten "human rights" auf aserbaidschanisch zu tragen. "Das Signal versteht dann jeder. Die Leute müssen also nicht Spezialisten in politischen Fragen werden", fügte der Grünen-Politiker hinzu.

Beck hofft, dass die internationale Presse die Woche vor dem ESC-Finale nutzt, um über die Hintergründe der Situation im Land zu berichten. "Die bisherige Berichterstattung ging nicht sehr in die Tiefe." Das Finale des Eurovision Song Contest findet am 26. Mai in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku statt. (dapd)