"Ruhrtrilogie": Sätze aus Fleisch und Blut

Jens Dirksen
Foto: Stephan Glagla

Mülheim/Ruhr. Abgedreht, durchgedreht, umgedreht: "Cinecittà Aperta" - Uraufführung für den zweiten Teil von René Polleschs "Ruhrtrilogie" hinterm Mülheimer Ringlokschuppen: Seelenüberschuss und Phrasendreschflegel im postdramatischen Theater.

Straßenbahnen, Busse. Weiter hinten eine lange Häuserzeile, voller Überbleibsel der Jahrhundertwende. Nackt und verloren stehen sie da, seit ihnen die Gegenüber auf der anderen Straßenseite fehlen. Das Publikum trottet über den Schotter einer Ruinenbrache und um Pfützen herum, an den Betonskeletten künftiger Arbeits- und Kapitalvermehrungsbauten vorbei, und bodenhaftungshaltige Schritt führt weg vom Guckkasten-Theater. Die Bühne, das wird heute Abend eine Stoppelwiese sein. Das Publikum unterm zugig offenen Zeltdach lehnt in weißen Plastikgartenstühlen, den wahren Klassikern der Globalisierung von Abu Dhabi bis Spitzbergen. Zaungäste auf dem Dach der Schrebergartenhütten nebenan haben allemal den besseren Überblick.

"Viel Geld oder wenig Geld ist doch dasselbe"

Und Action: Ein BMW kommt herangebraust, zwei Wohnmobile von rechts und links: Rollende Umkleidekabinen und Bühnen für fünf Schauspieler, deren Rolle vor allem darin besteht, ständig aus ihr herauszufallen. Die Filmset-Utensilien drumherum simulieren die „Cinecitta aperta“ , die offene Filmstadt, als wäre Rom gleich um die Ecke - eine Kulissenkulisse, ein Potemkinsches Filmdorf, mitten in der künftigen Kulturhauptstadt. Willkommen in „Cinecitta aperta“, dem zweiten Teil der „Ruhrtrilogie“ aus der Hand des Berliner Volksbühnen-Regisseurs und -Texters René Pollesch.

Eine Pauline Boetzke sucht hier nach dem Trevi-Brunnen aus „La Dolce Vita“, der Regisseur Rainer Maria Ferrari redet von einem Film über „Deutschland im Jahre 0“ und eine Erna Grabowski will lieber Theater spielen. Doch hier wird gedreht, vorzugsweise abgedreht und durchgedreht, von Menschen wie Reifen. Manchmal wird auch umgedreht, Darwins Satz vom „Survival of the fittest“ etwa oder Theoreme von Michel Foucault. Marx und Marcel Reich-Ranicki kommen auch drin vor, genau wie der Reich-Ranicki-Darsteller Matthias Schweighöfer, Liz Mohn und der Mann von der Berliner Bewag, der den Strom abstellt, weil die Rechnung nicht bezahlt ist. Es passieren aber auch Sätze wie „Viel Geld oder wenig Geld ist doch dasselbe“ oder der Verdacht, dass alle Finanzkrisenkritik oberflächlich bleibt, solange sie so tut als gäbe es einen „gesunden“ Kapitalismus.

Der große Verblendungszusammenhang

René Pollesch knickert also wie gehabt mit Theorie-Murmeln, und es klingt atemlose anderthalb Stunden wie Theater für Menschen, die vor lauter Aufklärung schon ganz abgeklärt sind. Und doch wird hier im zaubrisch dämmernden Licht der längsten Tages des Jahres klare, dass Polleschs Dialoggewitter mit Kalauerblitzen nur Notwehr sind gegen das, was früher einmal der große Verblendungszusammenhang hieß und seit der Postmoderne „anything goes“: Kein einziger wahrer Gedanke ist heute davor gefeit, durch industrielle Verwertung, durch mediale Verwurstung zur blanken Lüge zu werden. Deshalb werden viele Pollesch-Sätze in den Pollesch-Stücken wieder und wieder durchgekaut, sie werden erprobt. Bis sie nachklingen im Zuschauer, der gar nicht anders kann als die Sätze mit dem eigenen Erfahrungshorizont abzugleichen, vielleicht ist ja Wahrheit dran: „Es ist so idyllisch im Kino, seit die Ratten gelernt haben, Vogelstimmen zu imitieren“.

Das alles würde tatsächlich in ein „postdramatisches Theater“ münden, wie der verräterisch paradoxe Begriff für inszenierte Langeweile lautet – würde! Wenn nicht fantastische Schauwerker den Sätzen und Wörtern Beine machen würden und Arme und Gesichter und Gefühle dazu. Die schneidend klare Inga Busch, die staunen kann wie kaum eine zweite, die straighte Christine Groß und die große Catrin Striebeck, der coole Trystan Pütter zumal: Ohne ihren energiegeladenen Seelenüberschuss stünde Pollesch vielleicht nur als Phrasendreschflegel dar. So aber gerät das Ganze sehr absurd, bizarr, trashig, gaga, kitschig und dunkel, also wie das Leben selbst. Großer Uraufführungsjubel

Termine: 22./23. Juni, Beginn: 21 Uhr, Treffpunkt Ringlokschuppen Tel. 0208 / 99316-0 oder http://www.ringloskschuppen.de/