Ruhrtriennale: Wagners "Rheingold" vom Publikum bejubelt

Ruhrtriennale mit Verzweiflung unter Tage:  Elmar Gilbertsson (l. als Mime) und Leigh Melrose  „Das Rheingold“ in der Jahrhunderthalle in Bochum.
Ruhrtriennale mit Verzweiflung unter Tage: Elmar Gilbertsson (l. als Mime) und Leigh Melrose „Das Rheingold“ in der Jahrhunderthalle in Bochum.
Foto: dpa
Für die Ruhrtriennale erzählt Intendant Simons das "Rheingold" als Ruhr-Geschichte. Es geht nicht nur im übertragenen Sinn um jede Menge Kohle.

Bochum.. Wie immer man zur schönen, teuren Ruhrtriennale steht, eines hat sie geschafft – als etwas Besonderes in dieser dichten Kulturregion zu gelten. Nur so lässt sich ein Orakel aus Hamburg deuten: Da wusste bereits vor Wochen die Frauenzeitschrift „Brigitte“, das „Rheingold“ in der Jahrhunderthalle sei nichts geringeres als „das Kulturereignis des Jahres“.

Es soll die Wahrsagekunst nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, doch wird von hier aus vor dem 31.12. kein Jahresereignispokal verliehen. Gleichwohl, ein Ereignis war dieser Samstag am längst Kult gewordenen Spielort schon optisch. Bettina Pommers wirkmächtiges Bühnenbild lässt das Baugerüst der Götterburg Walhall erst unterm Stahldach der Jahrhunderthalle enden. So berührt das Theater jene Welt, in der zu spielen es vorgibt.

Ruhrtriennale mit Kohle, doch ohne Anbiederung

Intendant Johan Simons, klug genug, das ohne Anbiederung zu tun, verbindet die Mythenwelt des Rheingoldes mit dem Faszinosum Kohle – wie es diese Region vor 200 Jahren neu erfand. Da wundert es nicht, dass in drei großen Wasserbecken am Fuß des Bühnenbildes, Lüster und Stuckdecke Kopf stehen, gestrig brüchig, und dem gierigen Zwerg Alberich die schwarzen Brocken unter der Erde noch ein bisschen lieber sind als Gold. Links Alberich, rechts Urmutter Erda, mittig die Rheintöchter: ein sprechendes Triptychon aus Gier, Untergangswissen und Unschuld.

Während Simons die Götterszenen mal im Slapstick händelt, mal heftig symbolschwanger (Wotans Speer ist ein goldener Füller), mitunter auch etwas hilflos (Freias Lösegold-Szene), hat der Abend seine begeisternden Szenen tief unten. Wann sah man die Niederlage ei­nes Triumphs so rührend wie hier, da der Riese Fafner seinen Bruder erschlägt, und dann – den dicken Schatz in der Lederschürze kosend – doch zum traurigen, dicken Kind schrumpft?

Nicht einmal für Götter bessere Welten

Sieger gibt es in Simons Sicht ohnehin nicht. Er misstraut Wotans Worten über Walhall: „Vollendet das ewige Werk“. Nein, nicht einmal für Götter gibt es eine bessere Welt. Am Ende hämmern sie verzweifelt gegen die Türen ihrer eigenen Utopie: ergebnislos.

Es ist ein fast dreistündiger (keine Pause!), fein gearbeiteter, sinnlicher Opernabend. Johan Simons ergründet in Wagners märchenkostümierter Ökonomiekritik noch in der Unterdrückung klug das individuelle Leid. Allein die angekündigte „Kreation“ gerät fad, weniger wegen eines eingeschobenen Wut-Monologes, den Stefan Hunstein tapfer trompetet, als dank Mika Vainios Elektromusik. Die hustet kaum mehr als serielle Atmosphäre auf die Bühne. Mit so etwas „Das Rheingold“ zeitgenössisch zu stimulieren, gleicht dem Versuch, die Cheopspyramide mittels einer Diskokugel zu erhellen.

Gibt es bei der Ruhrtriennale den ganzen „Ring“?

Man baut – bis auf die wundervolle, als greise Schaffnerin durchs Grauen irrlichternde Erda Jane Henschels (63!) – auf junge Sänger. Es gibt fabelhaft singende Rheintöchter; Mika Kares’ Wotan ist von strömenender Autorität, doch kein Charismatiker. Leigh Melroses spielt einen Alberich von extremer Glut. Wer fürchtete sich nicht vor einem Riesen wie Peter Lobert bei so pechschwarzem Bass? Am Pult der MusicAeterna tobt Teodor Currentzis mit Lust am Extremen wie ein Pyromane. Das elektrisiert die Ohren, birgt aber hörbar die Gefahr eines reinen Effektdirigats.

Fußtrampelnd, als könne es gar nicht abwarten, die Triennale zum Spielort des ganzen „Ring“ zu machen, jubelt das Publikum. Ob der clevere Johan Simons das einkalkuliert? Denn der „Ring“ hat vier Teile, eine Intendanz drei Jahre – bisher . . . Seinen Wagner hat der Niederländer ja gelesen: „Was du bist, bist du nur durch Verträge.“

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