Ruhrtriennale: Das harte Brot der Liebe

Szene aus „Liebe“, von rechts nach links: Stephan Bissmeier (Dr. Pascal), Marie Jung (Clotilde), Oda Thormeyer (Martine), Tilo Werner (Coupeau), Gabriela Maria Schmeide (Gervaise)
Szene aus „Liebe“, von rechts nach links: Stephan Bissmeier (Dr. Pascal), Marie Jung (Clotilde), Oda Thormeyer (Martine), Tilo Werner (Coupeau), Gabriela Maria Schmeide (Gervaise)
Foto: Armin Smailovic/Ruhrtriennale/Ku
Luk Perceval zeigt den ersten Teil seiner Émile-Zola-Trilogie im Duisburger Landschaftspark: „Liebe“ fragt, ob uns das Glück in die Wiege gelegt ist – oder davon abhängt, ob einer Arbeit hat.

Duisburg.  Ein Zeit und Raum sprengendes Theaterprojekt, Weltliteratur in frischer Bühnenform: 1999 hat der Belgier Luk Perceval am Hamburger Schauspielhaus in einem Zwölf-Stunden-Marathon Shakespeares Königsdramen als großes „Schlachten!“ inszeniert und auch das Gastspiel-Publikum in der Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks damit überwältigt. 16 Jahre später und einige Meter weiter war nun in der Gießhalle sein neuester Streich nach bewährtem Muster zu bestaunen. Zwanzig Bände umfasst Émile Zolas Familiensaga „Die Rougon-Macquart“, die Perceval – mit dem Ensemble des Thalia Theater und für die Ruhrtriennale – als Drei-Jahres-Projekt zur theatralen Trilogie formen will.

Mit „Liebe“ beginnt alles, immer, auch Teil eins. Auf Annette Kurz’ wellengleich gewölbter Schiffsparkett-Bühne schlittert eine Familie – nein, nur ein Zweig der Familie! – dem Untergang entgegen. Ist uns das Glück in die Wiege gelegt? Stephan Bissmeiers forsch forschender Dr. Pascal kartografiert die Seinen in weltverbessernder Absicht: Für „ein künftiges Reich der Vollkommenheit und Glückseligkeit“ riskiert er den Zorn von Mutter Félicité (Barbara Nüsse in eindrücklichen, kurzen Auftritten), gewinnt aber die Bewunderung seiner Nichte Clotilde (Marie Jung).

Von Gitarrenklängen untermalt (Musik: Lothar Müller) wird seine Erzählung lebendig: Da gerät die junge Wäscherin Gervaise (starke „schwache“ Frau: Gabriela Maria Schmeide), die doch nur „das Beste will“ für ihre Kinder, unglücklich zwischen die Männer. Da wird sie vom Gerber Lantier (Sebastian Rudolph) verlassen, vom Dachdecker Coupeau (Tilo Werner) auf ein Schnäpschen geladen, später vom Schmied Goujet (Patrick Bartsch) zart umworben. Ja, auf den ersten Blick hat das mit Liebe zu tun. Auf den zweiten aber mit den noch drängenderen Fragen von Lohn und Brot. Glück ist eine gefüllte Lohntüte. Und ein Mann, der nicht arbeitslos wird und säuft.

Zolas Romanzyklus, 1893 beendet, erzählt von den Verheißungen der Moderne, vom Fortschritt durch Technik. Von Maschinen, die Arbeitern die Arbeit wegnehmen – und Trost einflößen, wie der Destillationsapparat in einer Kneipe namens „Totschläger“. Als Gervaises Trudeln zum tödlichen Taumel wird, auch die Kinder mitreißt, findet Perceval zu sorgfältig choreografierten Bildern. Den Eindruck gesteigerter Düsternis verstärkt die in die Gießhalle sickernde Dämmerung; auch dies ja ein Ort entlassener Hoffnungen.

Mag Percevals erster Teil der Familientrilogie auch mit einer dramtischen Wucht enden, die für einen (vergleichsweise) schlanken Zwei-Stunden-Abend arg opulent wirkt: Wie er Liebesgeschichten mit Lebensläufen vertäut sowie das persönliche Glück mit der Frage, ob einer Arbeit hat – das zeugt von filigranem Einfühlungsvermögen in höchst heutige Problemlagen.

 
 

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